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New York/Bethesda: Schutz vor Aidserreger: Kann eine Pille das Wunder vollbringen?

New York/Bethesda : Schutz vor Aidserreger: Kann eine Pille das Wunder vollbringen?

Sie haben Tausende oder sogar Millionen vor dem Aidstod gerettet. Nun sollen Aids-Medikamente, die zwar nicht heilen können, es aber seit Mitte der 1990er Jahre möglich machen, HIV unter Kontrolle zu halten, einen weiteren Erfolg bringen.

In klinischen Versuchen wird getestet, ob die Mittel den Aidserreger auch vorbeugend blockieren und HIV-freie Menschen mit besonders hohem Ansteckungsrisiko vor einer Infektion bewahren können. Wird dies ein Durchbruch im Kampf gegen das tückische Virus, das schon 25 Millionen Menschen umgebracht hat und das Leben weiterer 32 Millionen HIV- Infizierter weltweit bedroht?

Amerikas oberster Aidsbekämpfer, Anthony S. Fauci, ist eigenen Worten nach „vorsichtig optimistisch”. Bisher sei nichts bewiesen, aber Tierversuche, auch mit Primaten, ließen auf eine vorbeugende Wirkung dieser antiretroviralen (ARV) Medikamente hoffen, sagt der Direktor des Instituts für Allergien und Infektionskrankheiten (NIAID) bei den amerikanischen Gesundheitsbehörden NIH in Bethesda (US-Staat Maryland). Die ersten Studien an Menschen werden „frühestens im kommenden Jahr vorläufige Ergebnisse liefern”, erläuterte Fauci der Deutschen Presse-Agentur dpa am Dienstag in einem Gespräch.

Getestet werden zwei Anti-Aids-Pillen. Eine enthält den Wirkstoff Tenofovir, die andere zusätzlich Emtricitabin. Der als HAART (Highly Active Antiretroviral Therapy) bekannte Arzneityp blockiert das Virus und bremst seine Ausbreitung im Körper. Die Patienten haben dann weniger Viren im Blut, dem Samen oder der Scheide. Seit langem rätseln Mediziner, ob der gleiche Arzneityp den Erreger nicht schon beim Eindringen in einen noch nicht infizierten Körper abwehren könnte.

Das NIAID ist an einer Studie (HPTN 052) beteiligt, die die sogenannte Präexpositionsprophylaxe (PrEP) erforscht, also die Vorbeugung gegen HIV mit einem HAART-Mittel, an insgesamt 1750 Paaren in den USA, Brasilien, Thailand, Indien und Südafrika. Dabei ist jeweils ein Partner HIV positiv und der andere nicht. In anderen Versuchen wird der erhoffte Schutz gegen den Aidserreger an Homosexuellen, Drogensüchtigen und Prostituierten, Personenkreisen mit der höchsten Ansteckungsgefahr also, untersucht.

„Wenn alles gut geht, verhindert PrEP die HIV-Infektion bei Menschen, die die Einnahme einhalten”, sagt Fauci. Das könnte vor allem Frauen zugutekommen, jenen Afrikanerinnen in Ländern südlich der Sahara, die beim Sex mit ihren infizierten Partnern tagtäglich das eigene Leben aufs Spiel setzen.

Und das Schreckensszenario für Fauci? „Dass Risikokandidaten bei der Einnahme schludern, sich aber dennoch sicherer fühlen, weil sie die Pille ab und zu schlucken, und dann beim Sex mehr Risiken eingehen.” Genau das ist auch das Argument von PrEP-Kritikern. Sie fürchten, dass die neue Strategie gefährdete Personenkreise bewusst oder unbewusst in Sicherheit wiegt, sie zu mehr ungeschütztem Sex verleitet und die Verbreitung des Aids-Virus damit nur noch beschleunigen könnte.

Fauci setzt den Bedenken entgegen, dass die antiretriviralen Pillen „das Arsenal vorbeugender Maßnahmen nur komplementieren sollen. Vorausgesetzt, sie wirken überhaupt.” Keineswegs könnten sie andere Mittel zur Prävention von HIV/Aids ersetzen - schon aus Kostengründen nicht: Sexuelle Abstinenz, Beschneidung, Kondome, Mikrobizide und saubere Drogenbestecke.

Vor allem aber könnte PrEP die Zeit überbrücken helfen, bis der „Heilige Gral der HIV/AidsForschung” entdeckt ist, der seit Jahren gesuchte Impfstoff gegen den Erreger. „Bisher kommen auf jeden Infizierten, dem wir eine Behandlung geben können, zwei Neuinfizierte, die sich gerade erst mit HIV angesteckt haben”, sagt Fauci.