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Berlin: Schmerzen ohne Ende: Gürtelrose ist Spätfolge der Windpocken

Berlin : Schmerzen ohne Ende: Gürtelrose ist Spätfolge der Windpocken

„Hör auf zu kratzen! Sonst bleiben dir Narben.” Das bekommt fast jedes Kind einmal zu hören - dann, wenn es die Windpocken hat. In Deutschland erkranken mehr als 90 Prozent aller Jugendlichen vor ihrem 14. Geburtstag an dieser Virusinfektion. Aber selbst wenn keine sichtbaren Narben zurückbleiben, behält doch jedes Opfer der Windpocken ein bleibendes Andenken.

Die Varizella-Zoster-Viren, die für den Ausbruch der Krankheit verantwortlich sind, verbleiben auch nach dem Abklingen der Windpocken-Symptome im Körper. In Nervenzellen verbergen sich die Viren vor dem menschlichen Immunsystem.

Die Betroffenen bekommen davon zunächst nichts mit. Die Viren schädigen ihren Wirt zunächst nicht weiter. Ist das Immunsystem aber geschwächt, etwa nach einer Chemotherapie oder während großer psychischer Belastung, können die Viren plötzlich wieder aktiv werden. Dann lösen sie aber nicht erneut die Windpocken aus, sondern führen zum sogenannten Herpes zoster.

Bekannter ist diese Krankheit unter ihrem volkstümlichen Namen „Gürtelrose”. Auch wer im Kindesalter gegen Windpocken geimpft wurde, kann an ihr erkranken.

Vor allem Menschen jenseits der 50 sind von der Gürtelrose gefährdet: „Ihr Immunsystem ist schwächer als das jüngerer Menschen und kann daher den Viren nicht mehr so viel Widerstand leisten”, beschreibt Miriam Wiese-Posselt die Gefahr. Die Ärztin arbeitet am Robert Koch-Institut in Berlin. Dort ist man sich der gefährlichen Spätfolgen der Varizellen bewusst: Die Ständige Impfkommission der Bundesrepublik (STIKO), die beim Robert Koch-Institut angesiedelt ist, arbeitet gerade an der Bewertung eines neuen Impfstoffes gegen Gürtelrose.

Dieser Impfstoff enthält die gleichen Erreger wie eine Windpocken-Impfung, allerdings in wesentlich höherer Konzentration. Der Impfstoff besitzt unter dem Namen Zostavax für Deutschland bereits eine offizielle Zulassung, ist aber auf dem Markt noch nicht erhältlich. Bislang gibt es das Medikament nur in Österreich und der Schweiz zu kaufen.

„Unsere Produktionskapazitäten reichen im Moment leider noch nicht aus, um eine großflächige Versorgung zu gewährleisten”, erklärt Hans Joachim Hutt von der Herstellerfirma Sanofi Pasteur MSD die Hintergründe.

In einer groß angelegten Studie hatte der Mediziner Michael Oxman im Jahr 2005 die Wirksamkeit des Impfstoffes bestätigt: An der Universität von Kalifornien in San Diego wertete er zusammen mit Kollegen die Daten von 38.500 Probanden aus, die entweder den Impfstoff oder eine wirkungslose Scheinimpfung erhalten hatten. Das Ergebnis war eindeutig: Der Impfstoff senkte die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer Gürtelrose um mehr als 50 Prozent. Bei Patienten, die trotz der Impfung eine Gürtelrose entwickelt hatten, fielen die Symptome darüber hinaus wesentlich milder aus, und es kam zu weniger Komplikationen.

Diese Komplikationen sind es, die Herpes zoster so gefürchtet machen. Am häufigsten tritt die sogenannte „postherpetische Neuralgie” auf - hier klingen die Schmerzen der Gürtelrose auch nach Ende der akuten Krankheitssymptome nicht ab. Sicher verhindern können Mediziner diese Komplikationen bislang nicht. Daher ruhen die Hoffnungen vieler Patienten auf dem neuen Impfstoff.

Am Robert Koch-Institut ist man aber noch vorsichtig: „Uns fehlen für Deutschland noch die entsprechenden Daten”, erklärt Wiese-Posselt. Außerdem sei das Varizella-Zoster-Virus nicht so leicht in den Griff zu bekommen wie bislang angenommen, erläutert die Medizinerin weiter. Ein Impfstoff gegen Windpocken etwa habe sich nach einiger Zeit als weniger wirksam erwiesen als erhofft.

Die Hersteller der Gürtelrose-Impfung gehen davon aus, dass der Impfstoff von 2009 an in Deutschland verfügbar ist. In der Zwischenzeit könnte auch ein Besuch beim windpockenkranken Enkel helfen, das Immunsystem älterer Menschen vor dem Varizella-Zoster-Virus zu schützen, glauben einige Mediziner. Der wiederholte Kontakt mit den Viren helfe der körpereigenen Abwehr, sich wieder an den Erreger zu erinnern, erklärt die britische Gesundheitsbehörde NHS auf ihrer Homepage.

Durch diesen sogennanten Booster-Effekt ist das Immunsystem dann besser gegen eine Gürtelrose gewappnet. Daher empfiehlt die NHS, Kinder nicht gegen die Windpocken impfen zu lassen. So bleibe gewährleistet, dass Erwachsene oft genug mit dem Varizella-Zoster-Virus in Kontakt kommen.

Die Ständige Impfkommission in Deutschland geht hier einen anderen Weg und empfiehlt seit 2004 die allgemeine Windpockenimpfung für alle Kinder - windpockenkranke Enkel dürften demnächst also schwerer zu finden sein als der Impfstoff gegen Gürtelrose. Für die STIKO stellt dies aber den sichereren Weg dar, zu gefährlich seien die Komplikationen von Windpocken für Kinder, erklärt Miriam Wiese-Posselt.

Zudem sei der Booster-Effekt gegen die Gürtelrose in Deutschland derzeit gewährleistet: „Dafür sorgt die normale Zirkulation von Varizella-Zoster-Viren in der Bevölkerung”, sagt die Medizinerin. Wie sich die Situation in den kommenden Jahren entwickelt, wenn die Effekte der Windpockenimpfung großflächig wirken, will das Robert Koch-Institut aber genau verfolgen.