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Berlin: Schlankheitspille wegen Depressions-Risiko vom Markt genommen

Berlin : Schlankheitspille wegen Depressions-Risiko vom Markt genommen

Wegen der Gefahr von Depressionen hat der Pharmakonzern Sanofi-Aventis seine Schlankheitspille Acomplia europaweit vom Markt genommen. Es habe in der EU sogar mehrere Suizide und Suizidversuche gegeben, sagte Ulrich Hagemann vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn. Mit der Rücknahme vom Markt folgt das Unternehmen einer Aufforderung der europäischen Arzneibehörde EMEA vom Donnerstagabend.

In Deutschland wurden nach Unternehmensangaben vom Verkaufsstart im Juni 2006 bis Mai 2008 etwa 80.000 Patienten mit Acomplia behandelt.

„Die Risiken überwiegen die Vorteile”, sagte ein Sprecher von Sanofi-Aventis am Freitag in Paris. Acomplia könne Depressionen vor allem dann auslösen, wenn Patienten bereits früher daran litten. Solche Nebenwirkungen kannten die zuständigen Behörden schon lange. „Das war schon bei der Zulassung in der EU 2006 bekannt”, sagte Hagemann. In den USA sei dem Mittel 2007 wegen der drohenden Auswirkungen auf die Psyche keine Zulassung erteilt worden.

Seit der Markteinführung in den EU-Ländern habe es eine ansteigende Zahl ärztlicher Berichte über Nebenwirkungen gegeben, allein in Deutschland insgesamt 250, sagte Hagemann. Neben Herz- Kreislauf-Problemen, Hautreaktionen und Übelkeit sei auch immer wieder von Depressionen berichtet worden. Zudem habe es in Deutschland vier Suizidversuche gegeben, die mit Acomplia in Verbindung gebracht werden.

Acomplia basiert auf dem Wirkstoff Rimonabant, der im Gehirn Hungergefühle unterdrückt. Das Medikament sei nur Patienten mit stark erhöhtem Gewicht und weiteren Risikofaktoren wie hohen Blutfettwerten oder Diabetes verschrieben worden, erklärte Hagemann. Auch von anderen Appetitzüglern wie zum Beispiel Sibutramin - in Europa unter dem Markennamen Reductil erhältlich - seien schwere Nebenwirkungen bekannt. Sibutramin könne Herz-Kreislauf-Beschwerden auslösen.

„Patienten, die gegenwärtig Acomplia einnehmen, sollten ihren behandelnden Arzt um Rat fragen, ob und wie eine Behandlung fortgeführt werden soll. Es ist aber nicht notwendig, das Arzneimittel sofort abzusetzen”, sagte die Apothekerin Petra Zagermann-Muncke von der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK). Bis zum Mittag sei die Information über die Rücknahme allen Apotheken zugeleitet worden.

Vorerst dürfe das Mittel nicht mehr verschrieben oder in Apotheken ausgegeben werde, sagte der Sanofi-Aventis-Sprecher. Die klinischen Versuche sollten jedoch fortgesetzt werden. Bislang wurden weltweit etwa 700 000 Übergewichtige mit Acomplia behandelt. Das Medikament wurde in 18 EU-Staaten vertrieben. Außerhalb Europas ist das Mittel derzeit in 14 Ländern zu haben. Sanofi-Aventis kündigte an, die Gesundheitsbehörden dieser Staaten zu kontaktieren. Das Verkaufsverbot gilt als Rückschlag für den Pharmakonzern - auch wenn das Mittel nicht zu den Verkaufsschlagern gehörte: In den ersten neun Monaten des Jahres hatte es für einen Umsatz von 81 Millionen Euro gesorgt.

Mit der Rücknahme von Acomplia breche ein kompletter, noch sehr neuer Ansatz zur Behandlung von Übergewicht weg, sagte Hans-Georg Joost, wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung (DIFE). Offensichtlich sei es „sehr sehr schwierig”, einen wirksamen Wirkstoff ohne Nebenwirkungen aufzuspüren. „Ein solches Mittel gegen Bluthochdruck zu finden, war einfacher.”

Erst in dieser Woche waren vom Fachblatt „Lancet” Ergebnisse zu einem neuen Wirkstoff gegen Übergewicht namens Tesofensin veröffentlicht worden. Auch dieses Mittel unterdrücke die Hungergefühle im Gehirn und wirke doppelt so gut wie Rimonabant und Sibutramin, berichteten Forscher der Universität Kopenhagen (Dänemark). Der Ernährungsmediziner Stephan Bischoff von der Universität Hohenheim warnte jedoch vor überzogenen Erwartungen. Im Fall solcher Mittel seien schon viele Hoffnungen geweckt worden, „die sich rasch nivelliert haben.” Tesofensin hat noch keine Zulassung.