Bonn/Bonstetten: Radioaktives Radon in der Wohnung: WHO warnt vor Lungenkrebsgefahr

Bonn/Bonstetten: Radioaktives Radon in der Wohnung: WHO warnt vor Lungenkrebsgefahr

Wer an Lungenkrebs erkrankt, hat bestimmt zeitlebens dem blauen Dunst gefrönt, denken viele. Aber es gibt noch eine andere mögliche Ursache: radioaktives Radongas in den eigenen vier Wänden.

Jedes Jahr lassen sich alleine in Deutschland 1900 Fälle von Lungentumoren auf die häusliche Belastung zurückführen. Radon ist nach dem Rauchen die zweithäufigste Ursache für die bösartigen Geschwüre, wie eine Vielzahl von Studien belegt. Dies ist insofern besonders tragisch, da Lungenkrebs bis heute schwer zu behandeln ist, sich das Radon aber mit einfachen Mitteln aus Schlaf- und Wohnzimmer fernhalten ließe.

Die Weltgesundheitsorganisation warnte vor wenigen Wochen eindringlich vor der unterschätzten Gefahr. Sie fordert in ihrem neuen Handbuch, die Radonkonzentration auf 100 Becquerel pro Kubikmeter Raumluft zu begrenzen. Hierzulande wurde aber trotz mehrerer Anläufe aus dem Bundesumweltministerium noch immer kein Grenzwert per Gesetz festgelegt.

So übersteigt die Strahlendosis in deutschen Haushalten nicht selten den WHO-Wert. Alleine rund 50.000 Kinder und Jugendliche bringen Schätzungen zufolge ihre Zeit in Wohnräumen zu, die mit mehr als 400 Becquerel pro Kubikmeter belastet sind.

Überwiegend entweicht das Gas aus der Erde, wo es beim spontanen Zerfall von radioaktiven, natürlich vorkommenden Urangesteinen entsteht. Es dringt durch Ritzen und undichte Keller in die Häuser und - darin liegt das Problem - reichert sich dort an. Während Radon in der frischen Luft stark verdünnt ist, kann die Strahlenbelastung in den Räumen hundertfach und mehr erhöht sein. Dabei kann man das schädliche Gas weder riechen noch sehen, so dass es unbemerkt in die Lunge eingesogen wird. Dort attackieren die Strahlen das Erbgut in den Zellen, was den Keim für Krebs legen kann.

Allerdings lässt sich das Risiko durch Radon ohne weiteres vermindern. „Kein anderes Umweltgift ist so gut untersucht”, betont Joachim Kemski vom Beratungsunternehmen Kemski & Partner in Bonn. Ob im eigenen Haus überhaupt eine Gefahr lauert, kann zunächst ein Sachverständiger prüfen. Eine einmalige Bestimmung genügt allerdings nicht, da die Radonwerte am Tag stark schwanken - beispielsweise, wenn zuvor gelüftet wurde. Entscheidend ist der Jahresmittelwert.

Eine Überwachung der Radonkonzentration ist jedoch nicht nur für bereits bestehende Gebäude wichtig. Auch bevor der Grundstein für einen Neubau gelegt wird, sollte der Radongehalt des Bodens ermittelt werden. „Es ist wesentlich einfacher und preiswerter, von Anfang an radonsicher zu bauen, als nachträglich eine Sanierung durchzuführen”, mahnt Kemski.

Gerade im süddeutschen Raum, in Sachsen und Thüringen kann je nach Untergrund verstärkt Radon aus den Gesteinen in der Erde austreten. Das ist aber kein Grund, das Bauvorhaben an den Nagel zu hängen: Mit einer Drainage oder einem sogenannten Radonbrunnen wird die Luft unter dem Bauwerk abgesaugt, so dass die radioaktiv strahlenden Partikel nicht ins Haus eindringen können. Zusätzlich kann das Erdreich mit einer durchgehenden Bodenplatte aus Beton oder einer radondichten Folie abgeschirmt werden. Solche Maßnahmen kosten bei Neubauten in der Regel weniger als 2000 Euro pro hundert Quadratmeter Grundfläche.

Bei Altbauten empfehlen Fachleute als schnell zu realisierende Maßnahmen häufiges ausgiebiges Lüften sowie das nachträgliche Abdichten von Kellertüren, Rissen in Kellerwänden oder Rohren. Etwas mehr Aufwand erfordert das Einziehen von Isolierschichten in Böden beziehungsweise Wänden sowie die Kellerentlüftung mit Hilfe von Kleinventilatoren.

Im Allgemeinen nimmt die Strahlung nach einer groben Faustregel zu den oberen Stockwerken hin ab, da Radon sich als sehr schweres Gas in Bodennähe sammelt. „Wenn man dann in den Keller geht und eine Flasche Wein holt, ist das aber nicht so schlimm”, stellt Baubiologin Sigrid Mönkeberg aus dem schweizerischen Bonstetten klar. Die Zeit, die man in den belasteten Räumen verbringt, entscheidet über das Risiko. Deshalb sollten vor allem Bewohner einer Souterrain- oder Erdgeschosswohnung die radioaktive Strahlung so gering wie irgend möglich halten.

Hin und wieder lassen sich Architekten bei Mönkeberg zum Thema beraten. In der Allgemeinbevölkerung werde das Problem jedoch drastisch unterschätzt, erzählt sie. Weil das Gas auf natürliche Weise aus der Erde aufsteigt, sorgt es vermutlich für weniger Empörung als Bedrohungen, die der Mensch selbst verschuldet. Deshalb ist es aber nicht minder gefährlich. Übrigens strahlen Wände und Böden von Gebäuden nur selten.

Das hat Kemski soeben in einem Forschungsprojekt abgeklärt. 95 Prozent der Werkstoffe sind demnach unbedenklich. Lediglich zwei Substanzen aus der Kategorie der Ziegel und Leichtbetone wiesen eine erhöhte Belastung auf, deutet Kemski an. In Kürze will er die Details in einem Bericht vorgelegen.

Im vergangenen Jahr geriet das Naturmaterial Granit in die Kritik. Esstisch und Küchen mit Steinplatten würden dadurch strahlen. Doch das Bundesamt für Strahlenschutz gibt auch hier Entwarnung: Die untersuchten Gesteine könnten selbst bei großflächigem Einsatz in Gebäuden uneingeschränkt verwendet werden.

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