Berlin/Erlangen: Plötzlich kahl: Haarausfall ist nicht nur ein Männerproblem

Berlin/Erlangen : Plötzlich kahl: Haarausfall ist nicht nur ein Männerproblem

Fast alle Männer kennen ihn, und mit Mitte 50 hat auch etwa die Hälfte der Frauen ihre unliebsamen Erfahrungen mit Haarausfall gemacht. Meistens ist er erblich bedingt, mit Hilfe von Tabletten und Tinkturen kann der Haarausfall aber oft gestoppt oder wenigstens verlangsamt werden.

Wenn das nicht mehr hilft, gibt es Toupets und - als deutlich teurere Alternative - Eigenhaartransplantationen.

Etwa 100.000 Haare wachsen auf dem menschlichen Kopf. Als Faustregel gilt, dass es ab einem täglichen Verlust von 100 Haaren bedenklich wird. „Das ist aber wirklich nur eine Faustregel. Wer über mehrere Tage erheblich mehr Haare verliert als sonst, sollte auch so zum Arzt gehen”, rät Andreas Finner, Facharzt für Hautkrankheiten in Berlin.

Er bietet spezielle „Haarsprechstunden” an. Obwohl mehr Männer von dem Problem betroffen sind, besuchen meist Frauen seine Sprechstunde. „Sie haben große Angst vor einer Glatze.”

Meist wird das Haar bei Frauen am Scheitelbereich immer dünner. Bei Männern weicht bei erblichen Haarausfall zunächst der Haaransatz zurück, es kommt zu den Geheimratsecken. Später lichten sich auch die Haare am Hinterkopf. „Dabei reagieren die Haarwurzeln nicht mehr richtig auf die Hormone, die für das Haarwachstum zuständig sind”, erklärt Prof. Michael Sticherling, stellvertretender Direktor der Hautklinik am Universitätsklinikum in Erlangen. Die Haare werden immer dünner und wachsen nur noch auf kurze Länge. Tabletten oder Tinkturen, die pro Monat etwa 15 bis 30 Euro kosten, sollen helfen. Erste Erfolge sind aber oft erst nach Monaten und bei dauerhafter Einnahme zu sehen. Die Krankenkasse zahlt solche Medikamente nicht.

Die zweithäufigste Form bei Frauen und Männern ist der kreisrunde Haarausfall. Hierbei werden ganze Stellen kahl, die Kreisgröße ist unterschiedlich. „Bei etwa 40 Prozent der Fälle hört der Haarausfall von alleine auf, und die kahlen Stellen verschwinden innerhalb von einigen Monaten. Deshalb muss man mit einer Therapie vorsichtig sein”, sagt Sticherling.

Zu den Betroffenen zählen meist Erwachsene im Alter zwischen 30 und 40 Jahren sowie 6- bis 8-jährige Kinder. Die Ursache ist unbekannt. Behandelt werden kann mit Cortison, eine wissenschaftlich gesicherte Erfolgstherapie gibt es bislang jedoch nicht. Zudem ist die Rückfallgefahr hoch - wer einmal kreisrunden Haarausfall hatte, bekommt ihn häufig wieder.

Wer meint, dass er ungewöhnlich viele Haare verliert oder sogar kahle Stellen entdeckt, sollte nicht in die Drogerie, sondern zu einem Arzt gehen. „Die Drogerie-Produkte wirken nur an der Oberfläche, das Problem liegt aber in der Haarwurzel”, begründet Sticherling dies.

Auch von Nahrungsergänzungsmitteln wie Biotin, Folsäure und Kieselsäure hält er nichts. Bei normaler Ernährung sei das nicht notwendig. Stattdessen sollten die Betroffenen ihre Haare lieber nicht zu heiß fönen, Baby-Shampoo benutzen sowie möglichst weder Kopfbedeckungen aufsetzen noch die Haare zum Zopf binden.

Finner interessiert bei den Patienten zunächst die ausführliche Vorgeschichte: Wo fallen die Haare besonders aus? Hat der Patient vor kurzem eine Diät gemacht? Werden Medikamente genommen? Dann untersucht er die Haare und die Kopfhaut. Hier achtet der Arzt auf den Ort der kahlen Stellen und ob sich die Haare leicht herauszupfen lassen.

Mit einem Dermatoskop werden schließlich noch Haardicke und Kopfhaut untersucht. Hier schaut er zum Beispiel, ob die Kopfhaut vernarbt ist. Eventuell folgen dann noch Laboruntersuchungen, dann bekommt der Patient einen Behandlungsplan. Um den Verlauf zu dokumentieren, macht Finner regelmäßig Fotos.

Wenn ein Patient rechtzeitig zum Arzt geht, lassen sich fast alle Formen von Haarausfall erfolgreich behandeln. Wenn sich viele Haare jedoch bereits ganz verabschiedet haben, bleiben Haartransplantationen. Doch die sind aufwendig und teuer. In der Regel muss der Patient zwischen 3000 und 7000 Euro ausgeben sowie fast einen ganzen Tag einplanen. Unter örtlicher Betäubung werden ihm Haare vom Hinterkopf entnommen und kahle Stellen damit aufgefüllt.

„Es gibt zwei unterschiedliche Entnahmetechniken”, erläutert Joachim Beck vom Verband Deutscher Haarchirurgen in Berlin. Meistens wird am Hinterkopf ein Hautstreifen entnommen, es bleibt eine kleine Narbe. Die Haarwurzeln werden unter dem Mikroskop präpariert und schließlich in kleine Schlitze oder Löcher an der gewünschten Stelle wieder eingesetzt. Der Vorteil: Die Haarwurzeln vom Hinterkopf reagieren auch an ihrem neuen Ort wie gewünscht auf die Wachstumshormone, die Haare sprießen.

Die Erfolgsquote für das richtige Einheilen der implantierten Haarwurzeln liegt laut Beck bei mehr als 90 Prozent. „Solche Haartransplantationen können sinnvoll sein”, urteilt Sticherling. Früher wirkten sie oft unnatürlich, aber mittlerweile würden sie meist gut gemacht.

Mehr von Aachener Zeitung