Kassel: Pflanzen im Schlafzimmer verbrauchen nachts Sauerstoff

Kassel: Pflanzen im Schlafzimmer verbrauchen nachts Sauerstoff

Der gut gemeinte Ratschlag hält sich hartnäckig: „Stell Dir nicht so viele Pflanzen ins Schlafzimmer, das ist schädlich”, hört man immer wieder. Als vermeintlicher Beleg wird meist angeführt, dass auch in vielen Krankenhäusern nachts die Blumen aus den Zimmern entfernt würden.

Atmen uns Pflanzen etwa im Schutz der Dunkelheit die Luft weg? Der Gedanke ist gar nicht so falsch, wie Ulrich Kutschera, Professor für Pflanzenphysiologie und Evolutionsbiologie an der Uni Kassel, bestätigt: „Vor allem in der Nacht verbrauchen Pflanzen Sauerstoff.”

Laut Kutschera handelt es sich bei diesem Phänomen um „eine der erstaunlichen Erkenntnisse der modernen Biologie”. Schließlich sind Pflanzen eigentlich dafür bekannt, Sauerstoff zu produzieren. Die pflanzliche Photosynthese, wie wir sie aus der Schule kennen, läuft allerdings nur ab, wenn Licht vorhanden ist.

„Auch tagsüber wird Sauerstoff verbraucht, aber dieser Effekt wird durch die gleichzeitige Aufnahme von Kohlendioxid ausgeglichen”, erklärt Kutschera. Am Ende bleibt in der Gesamtbilanz bei Tageslicht jedenfalls ein photosynthetisch erzeugter Sauerstoff-Überschuss übrig.

Nachts hingegen kommt die Photosynthese zum Erliegen, der Sauerstoffverbrauch hält aber an. „Pro Gramm ihres Gewichts nehmen frische Blätter in der Dunkelheit dieselbe Menge Sauerstoff auf wie Frösche”, sagt der Biologe.

Wenn in einem kleinen Schlafzimmer viele Pflanzen stünden und das Fenster gleichzeitig geschlossen sei, sinke die Sauerstoffkonzentration. „Man kann daran zwar nicht ersticken, aber es gibt einen messbaren Effekt auf die Qualität der Luft”, betont Kutschera. Manche Menschen reagierten darauf mit Unwohlsein.

Zurückzuführen ist das nächtliche Sauerstoffbedürfnis der Grünpflanzen laut Kutschera auf die „Energiekraftwerke” der pflanzlichen Zellen, die Mitochondrien. Ohne Licht funktioniere die mitochondriale Zellatmung der Pflanzen fast genauso wie die der Tiere: Für beide Prozesse sei Sauerstoff nötig.

Erklärbar sei dieser paradox erscheinende Befund nur mit der Evolution, denn vor Hunderten Millionen von Jahren hätten sich die Mitochondrien der Pflanzen- und Tierzellen über Symbiosen aus denselben Ur-Bakterien entwickelt. „Wenn das Licht ausgeht, werden Pflanzen gewissermaßen zum Tier”, fasst der Pflanzen- und Evolutionsexperte zusammen.

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