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Berlin/Hofheim: Neuanfang nach einer Lebenskrise: Nicht in alte Muster zurückfallen

Berlin/Hofheim : Neuanfang nach einer Lebenskrise: Nicht in alte Muster zurückfallen

Manche Krankheiten halten einen monatelang vom Arbeiten ab. Wenn der Bandscheibenvorfall oder die Lungenentzündung auskuriert sind, muss man mitunter beruflich ganz neu anfangen. Wer aber wegen Burn Out, Depressionen oder einer Zwangserkrankung außer Gefecht war, gerät bei einer Bewerbung zusätzlich oft in Erklärungsnot.

„Der berufliche Wiedereinstieg nach einer persönlichen Krise ist ein Balanceakt”, sagt die Karriereberaterin Angelika Gulder aus dem hessischen Hofheim. Zum einen sei es wichtig, einem neuen Arbeitgeber gegenüber ehrlich zu sein. Zum anderen müsse man auch damit rechnen, dass einem der Zusammenbruch als Schwäche ausgelegt werde.

Coaching-Fachfrau Regina Michalik aus Berlin, Autorin des Ratgebers „Im Zickzack zum Erfolg”, rät Arbeitnehmern, sich nach einem psychischen Zusammenbruch nicht sofort wieder zu überlasten. „Wichtig ist, dass man sich für den Wiedereinstieg ausreichend Zeit lässt. Man kann nicht erwarten, dass man von heute auf morgen wieder voll im Berufsleben steht. Erst einmal muss man die persönlichen Probleme vollständig bearbeiten”, sagt Michalik.

Denn ein neuer Job bringe viele Herausforderungen mit sich, die täglich gemeistert werden müssen. „Jemand, der ohnehin noch geschwächt ist, hat damit unter Umständen größere Mühe und droht, gleich zu Beginn wieder zu scheitern”, warnt Michalik.

Es sei daher wichtig, das eigene Selbstbewusstsein erst einmal zu stärken, bevor man sich wieder bewirbt. „Hat man die Krise bearbeitet und überwunden, sollte man sich darüber klar werden, welche Qualifikationen man vorzuweisen hat, was man erreichen möchte und vor allem welche Bedingungen man braucht, um wieder gut durchstarten zu können”, sagt Michalik. Nach diesen Kriterien sollte man sich seine neue Arbeitsstelle aussuchen. „Es bringt nichts, das erstbeste Angebot anzunehmen, obwohl es nicht richtig passt. Die Wahrscheinlichkeit, dass man dann wieder in eine Krise schliddert, ist hoch”, sagt Michalik.

Wer seinen alten Arbeitgeber verlassen und dann eine längere Therapie gemacht hat, muss oft Lücken im Lebenslauf füllen. Gulder rät hier zu Ehrlichkeit. „Man sollte die Pause nicht als Phase der Umorientierung betiteln, wenn man tatsächlich mehrere Monate in einer psychotherapeutischen Einrichtung verbracht hat”, sagt die Diplom-Psychologin. Die Angabe „Längere Krankheit” sei in einem tabellarischen Lebenslauf meistens ausreichend.

„Man muss sich dann aber auch darauf einstellen, dass zu so einer Angabe im Vorstellungsgespräch Rückfragen kommen. Deshalb sollte man sich vorher klar sein, wie viel man erzählen möchte”, sagt Gulder. Sie rät, die Krisenzeit vor einem neuen Arbeitgeber nicht zu verbergen. „Der Chef muss darüber informiert sein, dass es da mal Probleme gab, um den Arbeitnehmer richtig einschätzen zu können”, sagt Gulder.

Im Vorstellungsgespräch sollte man daher offen auf Fragen nach der Krankengeschichte antworten. „Allerdings sollte man auch nicht zu sehr ins Detail gehen. Wer den letzten Arbeitsplatz wegen Mobbings verlassen hat, könnte sonst beispielsweise die Befürchtung wecken, Probleme in das Team hineinzutragen”, sagt Gulder. Es reiche, wenn man sage, dass man durch Stress und Überlastung krank geworden ist und dann eine Auszeit gebraucht hat.

Wichtig sei, dem potenziellen Arbeitgeber auch die Vorteile der durchstandenen Krise deutlich zu machen. „Man kann beispielsweise sagen, dass man durch den Zusammenbruch gelernt hat, besser auf sich zu achten, und dass man nun umso motivierter ist, mit frischem Elan in das Arbeitsleben einzusteigen”, sagt Gulder.

Nicht jeden Arbeitgeber wird man damit überzeugen. „Man muss damit rechnen, dass man aufgrund dieser Krankengeschichte abgelehnt wird. Für viele Unternehmen ist eine Krise immer noch etwas Negatives”, sagt Regina Michalik. Allerdings sei zu beobachten, dass immer mehr Arbeitgeber begriffen, dass ein bereits krisenerfahrener Arbeitgeber unter anderem kompetenter darin sei, auf die Balance in seinem Leben zu achten, und daher weniger anfällig für weitere Zusammenbrüche sei.

Hat man eine passende Stelle gefunden, sollte man die bewusste Lebensgestaltung weiter beibehalten. „Um nicht wieder in alte Muster zurückzufallen, sollte man sich für den neuen Job ein persönliches Wiedereingliederungsprogramm aufstellen”, rät Michalik. Darin könnten sportliche Aktivitäten oder Zeit für Freiräume festgehalten werden.

„Man sollte aber auch klare Regeln aufstellen, welche Fehler aus der Vergangenheit man nicht mehr wiederholen wird. Wer beispielsweise immer zu gutmütig war und den Kollegen ihre Arbeit abgenommen hat, sollte nun konsequent Grenzen setzen”, sagt die Diplom-Psychologin. Sie hält es für sinnvoll, diese ersten Schritte zurück ins normale Berufsleben nicht alleine zu unternehmen, sondern sich für die ersten Wochen und Monate einen professionellen Coach an die Seite zu holen. „Allerdings muss man damit rechnen, dass man diese Unterstützung aus eigener Tasche bezahlen muss, da man aus Sicht der Krankenkasse schon geheilt ist”, sagt Michalik.

Bei aller Ehrlichkeit dem Arbeitgeber gegenüber - den neuen Kollegen sollte man die persönlichen Probleme nicht gleich auf die Nase binden. „Ein Zusammenbruch ist ein sehr privates Thema, das man nicht schon in der Probezeit vor allen Kollegen detailliert ausbreiten sollte”, sagt Gulder. Denn dadurch könnte der Eindruck entstehen, dass man geschont werden möchte oder Mitleid braucht. „Am besten erzählt man den Kollegen nur, dass man eine schwere Zeit hatte. Das reicht den meisten auch als Erklärung”, sagt die Karriere-Expertin.