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Nachfrage nach Therapieplätzen steigt: Psychische Erkrankungen auf Höchststand

Psychische Erkrankungen : Nachfrage nach Therapieplätzen steigt

Jede vierte Person in Deutschland zeigte im Jahr 2020 Symptome oder Beschwerden, die sich einer psychischen oder seelischen Erkrankung zuordnen ließen. Nur 18,9 Prozent der Betroffenen suchte Hilfe.

Die Gründe hierfür sind vielfältig, doch fehlende Therapieplätze und Betreuungsangebote sind MedizinerInnen und Erkrankten zufolge eines der größten Hindernisse. Entwickeln sich seelische Leiden zu einer neuen Volkskrankheit?

Steigende Arbeitsausfälle und Erkrankungszahlen

Mit Tabus und Scham behaftet, aber doch mitten in der Gesellschaft spürbar - psychische Erkrankungen und seelische Leiden belasteten im Jahr 2020 nach Erhebungen der DGPPN das Leben von rund 27,8 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland. Neben neurologisch und hormonell bedingten Erkrankungen sorgten auch die Pandemie und allgemeine Weltlage für Belastungen, die sich unter anderem in depressiven Episoden, Psychosen und Belastungsstörungen niederschlugen.

Nach Muskel- und Skeletterkrankungen sorgten psychische Leiden 2020 für die meisten Ausfalltage in Arbeitsstätten. Neben typischen Volksleiden wie Herz- und Kreislauferkrankungen und bösartigen Neubildungen (Krebs und Tumore), waren psychische Krankheiten einer der Hauptgründe für den Verlust von Lebensqualität und Lebensjahren.

Die steigenden Zahlen der Erkrankten bedeuten auch eine Belastung für das Gesundheitssystem, das der Nachfrage kaum gerecht werden kann. Obwohl nur jeder fünfte Betroffene professionelle medizinische Hilfe und Unterstützung bei der Alltagsbewältigung sucht, waren viele Praxen überbelegt.

33.000 TherapeutInnen für rund 18 Millionen Erkrankte

Die Situation der medizinischen Betreuung und Angebote für psychisch Erkrankte ist in Deutschland seit vielen Jahren katastrophal. Die Nichtbehandlung von Leiden, die als Krankheit diagnostiziert und medikamentös sowie therapeutisch begleitet werden können, ist ein schwerer Einschnitt in das Leben der Erkrankten.

Weit verbreitete Erkrankungen wie Depressionen, unipolare Störungen, Angststörungen und Suchterkrankungen stürzen Menschen nicht nur in private Krisen, sondern können Arbeitsunfähigkeit, Verschuldung und physische Symptome mit sich bringen.

Von einer psychischen Erkrankung sprechen MedizinerInnen bei länger anhaltenden Symptomen, die sich deutlich zeigen und nicht organisch begründen lassen. So ist zwar beispielweise bei Depressionen eine Verschiebung des Hormonhaushaltes und Veränderung der Hirnstruktur häufig zu beobachten. Die Ursache hierfür können jedoch ein Trauma, Stress, erbliche Faktoren oder übergeordnete Krankheitsbilder sein. Die Krankheit lässt sich also nicht durch ein bestimmtes Medikament vollständig therapieren, sondern erfordert verschiedene Ansätze.

Seelische Leiden hingegen sind konfus. Sie können durch Einsamkeit, Überforderung, Drogenmissbrauch, persönliche Schicksalsschläge entstehen und bedingen ebenfalls Begleitung und Therapie. Doch: 2020 standen für 17,8 Millionen psychisch Erkrankte nur rund 29.000 PsychotherapeutInnen und 14.300 psychiatrische Fachkräfte zur Verfügung. Ohne die Unterstützung durch fachfremde und ausgebildete TherapeutInnen wäre somit in 2020 jede Fachkraft für 414 potentielle PatientInnen zuständig gewesen - kein Wunder, dass Menschen mit vermeintlich weniger schweren Leiden keine Unterstützung finden.

Weniger psychiatrische FachärztInnen in den kommenden Jahren

Ein weiteres Problem der Betreuung von psychisch kranken Menschen ist die Überalterung im medizinischen Bereich. So waren 2020 72 Prozent aller psychiatrischen FachärztInnen in Deutschland älter als 50 Jahre, eine große Zahl stand kurz vor der Pensionierung.

Mit nur knapp über 500 Neuzulassungen im Jahr kann die Betreuung daher in wenigen Jahren nicht mehr geleistet werden, selbst bei konstanten Zahlen. Die Wartezeiten steigen, klinische Einrichtungen werden dem einzelnen Patienten nicht mehr gerecht - denn auch dies stellt eine zusätzliche Hürde sowohl für Erkrankte, die sich Hilfe suchen möchten, als auch für die Betreuungsstellen dar. Psychisch und seelisch erkrankte PatientInnen benötigen mehr als ein sauberes Klinikbett.

Statt Nachkontrollen wie bei chirurgischen Eingriffen oder rein medikamentöser Behandlung geht es bei seelischen Leiden oft um das Gesamtbild. Der Alltag muss neu strukturiert werden, Menschen müssen eigenständiges Leben neu erlernen und soziale Kontakte knüpfen.

Ob ambulant oder stationär, für die allermeisten Menschen bedeutet die psychiatrische und psychologische Hilfe, dass sie erneut oder erstmalig auf ein eigenständiges Leben mit oder ohne Alltagshilfe vorbereitet werden. Dieser Prozess ist langwierig, vielfältig und absolut individuell. Je mehr PatientInnen einen Betreuungsplatz benötigen, desto weniger Zeit bleibt für das Individuum.

Alternative Angebote für Menschen mit seelischen Leiden

Eine Möglichkeit, den Betreuungsschlüssel zu verbessern und auch Personen mit weniger existentiellen und lebensbedrohlichen Leiden eine Begleitung zu bieten, stellt für QuereinsteigerInnen die Umschulung in den therapeutischen Bereich dar. So bereitet beispielsweise der Lehrgang zur HeilpraktikerIn für Psychotherapie auf die Arbeit mit Menschen mit Phobien, depressiven Verstimmungen, Anpassungs- und Essstörungen vor. Hier können auch Fachfremde die therapeutische Arbeit mittels Kunst- und Gestalttherapie, autogenem Training, Familien- und Gesprächstherapie erlernen und sich im Anschluss beim Gesundheitsamt prüfen lassen.

HeilpraktikerInnen für Psychotherapie ersetzen keine medizinische Betreuung in Ausnahmesituationen und akuten Notfällen. Sie können jedoch ein offenes Ohr anbieten und für Menschen mit Symptomen, die nicht medikamentös behandelt werden müssen, eine wichtige Stütze sein.

Die Situation bei der Versorgung psychisch Erkrankter wird jedoch trotz Weiterbildungen und Zulassung von Hilfskräften und TherapeutInnen in den kommenden Jahren das Versorgungssystem in Deutschland auf die Probe stellen. Erkrankte müssen auch 2022 mit monatelangen Wartezeiten auf Therapie-, stationäre und ambulante Betreuungsplätze rechnen.