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Berlin: Mit und auf das Köpfchen: Schachboxen

Berlin : Mit und auf das Köpfchen: Schachboxen

Anfangs wurden sie für komplett wahnsinnig gehalten. Nur schwer war nachzuvollziehen, warum eine Handvoll ausgeflippter Berliner archaisches Boxen und feinsinniges Schachspiel zu einer Sportart verbinden wollten.

Doch die kuriose Idee fand immer mehr Anhänger - nicht nur an der Spree, sondern in ganz Europa. Heute sehen sich die Erfinder der Trendsportart weitgehend respektiert.

„Wir sind dabei, Schachboxen vom Image einer Freakshow zu befreien und als ernstzunehmende Sportart zu etablieren”, sagt Andreas Dilschneider vom Weltverband für das Schachboxen (World Chess Boxing Organisation WCBO) in Berlin.

Dilschneider - von Beruf Schauspieler - ist selbst aktiver Schachboxer und hätte sogar fast einmal den Europameisterschaftstitel gewonnen. Der Hobbysportler betont, dass die Kombination aus Boxen und Schach keineswegs absurd sei.

Vielmehr hätten die Disziplinen viel gemeinsam: „In beiden Sportarten muss man stets hochkonzentriert sein. Ein schwerer Fehler und der Kampf ist vorbei”, erläutert Dilschneider. Beim Denksport Schach heißt solch ein Aussetzer Matt, beim Kampfsport Boxen Knockout. Tritt eines der Ereignisse ein, bricht der Ring- beziehungsweise Schachschiedsrichter den Schachboxkampf sofort ab.

„K.o. geht aber nur selten jemand”, sagt Dilschneider. Viel häufiger würden die Partien in den sechs Schachrunden entschieden, die sich mit fünf Boxrunden abwechseln. Eine Boxrunde dauert drei Minuten, für kluge Züge auf dem gemusterten Brett haben die Kontrahenten sechs mal vier Minuten Zeit.

„Je mehr Zeit jemand beim Schach gut macht, desto größer wird für den Gegner der Druck, im Boxen die Entscheidung zu suchen”, sagt Dilschneider. Zeit gut machen heißt, dass man schneller zieht als der Gegner. Je länger der überlegt, desto mehr Zeit läuft von seinem Konto ab. Wenn bis zur elften Runde keine Entscheidung durch Schachmatt oder K.o. gefallen ist, wird es in der letzten Schachrunde eine Entscheidung durch Zeitüberschreitung geben.

Die Idee mit dem Schachboxen kam ursprünglich dem Zeichner Enki Bilal. „In dessen futuristischem Comic Kalter Äquator veranstaltet ein postfaschistoides Regime eine ganze Reihe von extremen Wettkämpfen, darunter auch Schachboxen”, erläutert Dilschneider.

Der Comicfan Iepe Rubingh las dann davon und probierte Schachboxen kurzerhand in der Realität aus. Vor sechs, sieben Jahren fanden die ersten Testkämpfe statt, heute sind allein in der Schachbox-Hochburg Berlin mehrere Dutzend Hobby-Kämpfer und -kämpferinnen aktiv. Anfang November wurde der erste Weltmeister gekürt - ein Deutscher.

„Die Teilnahme an Wettbewerben ist kein Muss, viele trainieren einfach nur”, sagt Dilschneider. Denn das gemeinsame Boxtraining sei schon für sich ein „fantastisches Workout” und nicht so stumpfsinnig wie 30 Minuten Pumpen im Fitnessstudio.

Mit regelmäßigem Schachspiel indes bleibe man geistig auf der Höhe. Equipment braucht man kaum: Neben sportlicher Kleidung reichen Boxhandschuhe und ein Schachspiel für eine erste Probepartie in der heimischen Garage oder im Garten aus.

Die WCBO bemüht sich derzeit, eine flächendeckende Vereinsstruktur in ganz Deutschland aufzubauen. Der Verband (wcbo.org) unterstützt Sportler, die Schachboxen ausprobieren und mit Gleichgesinnten einen Club gründen möchten. Zudem werden Schachspieler mit Kampfsporterfahrung und Schach spielende Boxer für die Austragung der nächsten deutschen Meisterschaft gesucht.