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Ulm/Dortmund: Mit Dolmetscher zum Zähneziehen

Ulm/Dortmund : Mit Dolmetscher zum Zähneziehen

Manchmal geht Augenarzt Oktay Temiz die südländische Gelassenheit seiner Landsleute ganz schön auf die Nerven. Dann nämlich, wenn ein Patient mit seinen Beschwerden mal wieder viel zu spät bei ihm vorstellig wird.

Und zum Beispiel darüber klagt, dass er kaum noch etwas sieht. Temiz ist in der Klinik für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Ulm tätig und hat kürzlich eine „Türkische Sprechstunde” eingerichtet. Sein Ziel: Patienten mit Migrationshintergrund zu einem rechtzeitigen Besuch beim Arzt zu bewegen.

„Die ausländischen Bürger in Deutschland zögern länger, bis sie mit ihrem Problem zum Arzt gehen”, sagt Temiz, der selbst türkische Wurzeln hat und in Stuttgart aufwuchs. Dieses Zaudern vor dem Besuch beim Doktor hat oft ernste Folgen, denn es macht die Früherkennung teils schwerer Erkrankungen schwierig. „Bei gravierenden Fällen wie einem Glaukom oder einer diabetischen Retinopathie kann ich praktisch davon ausgehen, dass es sich um einen türkischen Patienten handelt”, sagt der Augenarzt.

„Das wird schon wieder werden”, so lässt sich die sympathische südländische Mentalität laut Temiz auf den Punkt bringen. Die positive Grundeinstellung zum Leben ist grundsätzlich lobenswert, aber bei gewissen Krankheitsbildern ist der Optimismus bisweilen auch hinderlich - gerade im Hinblick auf Prävention und Früherkennung. So kann beispielsweise eine diabetische Retinopathie zur Erblindung führen, wenn sie nicht rechtzeitig diagnostiziert und behandelt wird.

Zudem sind es mitunter erhebliche Sprachprobleme, die ausländische Bürger davon abhalten, zum Arzt zu gehen. Dabei handelt es sich keineswegs nur um die vor kurzem Eingewanderten, die ihre Beschwerden nicht angemessen in deutscher Sprache beschreiben können.

„Leider gibt es auch viele ausländische Mitbürger, die seit 30 oder 40 Jahren hier leben und nur ganz wenig Deutsch sprechen”, bedauert Temiz. Seine türkische Sprechstunde sieht er auch nur als Notlösung. Langfristig führe kein Weg daran vorbei, dass die Leute vernünftig Deutsch lernten.

Für den Moment sind seine deutschen Kollegen im Klinikum Ulm aber geradezu dankbar über die Einrichtung seiner Sprechstunde - sie überweisen jetzt regelmäßig eigene Patienten zu ihm - nicht weil sie sie nicht selbst behandeln könnten, sondern weil sie sie nicht verstehen. Auch in anderen deutschen Städten wird allein aufgrund Sprachbarrieren überwiesen, sei es von Augenarzt zu Augenarzt oder von Internist zu Internist. Die Folge: viel Aufwand für Ärzte und Patienten, hohe Kosten für das Gesundheitssystem.

Gibt es vor Ort keinen Mediziner, der der jeweiligen ausländischen Sprache mächtig ist, haben die Betroffenen nicht selten ein Problem. Gewiss, einen gebrochenen Oberschenkel wird ein Arzt auch ohne stundenlange Vorgespräche noch diagnostizieren können. Aber wenn beim Augenarzt eine Brille angepasst werden muss, ist dieser schon eher auf Informationen vom Patienten angewiesen. Bei komplizierten Diagnosen und Gesprächen in der Psychiatrie, Geriatrie oder Schmerztherapie sind präzise Leidensbeschreibungen quasi unerlässlich.

Mit einem lauten „Aua!” allein können Mediziner also nicht immer etwas anfangen: Je besser Migranten die deutsche Sprache beherrschen, desto einfacher machen sie es dem Arzt bei der Diagnose. Gleichzeitig sind aber auch deutsche Ärzte gefragt, sich intensiver mit dem Befinden ihrer ausländischen Patienten auseinanderzusetzen. Denn in anderen Kulturen gebe es häufig ein völlig anderes „Krankheitsverständnis”, sagt Mareike Tolsdorf, Pflegewissenschaftlerin aus Dortmund. Und mit dem gilt es sich intensiv auseinanderzusetzen.

Die Wissenschaftlerin hat sich mit dem Gesundheitszustand versteckt lebender Migranten in Deutschland und in der Schweiz beschäftigt. Deren Versorgungssituation ist in vielerlei Hinsicht prekär, Grundsätzliches trifft ihr zufolge aber auch bei länger und legal hier lebenden Ausländern zu. Diese hätten oft eine „andere Symptompräsentation und Körperwahrnehmung”, sagt Tolsdorf. Sie fühlten sich eher „insgesamt krank”, Ärzte sprächen auch vom sogenannten „türkischen Ganzkörperschmerz”.

Eine Blinddarmentzündung etwa sei für Türken anders als für Deutsche oft nur schwer zu lokalisieren. „Die kreisen dann mit dem Finger um den ganzen Bauchraum bis hin zu den Oberschenkeln”, erläutert Tolsdorf. Ganz zu schweigen vom Afrikaner, der seine Kopfschmerzen für das Zeichen eines Fluches hält und jede medizinische Erklärung als Unfug erachtet. Deutsche Ärzte sind dann vielfach überfordert, zumal sie oft ohnehin schon unter großem Zeitmangel leiden.

Tolsdorf rät Patienten mit Verständnisproblemen deshalb, mit einem Dolmetscher in die Praxis zu gehen. Das kann jemand aus der Familie oder dem Freundeskreis sein, der die deutsche Sprache beherrscht. „In manchen Städten gibt es auch spezielle Dolmetscherdienste für Migranten”, sagt die Pflegewissenschaftlerin.

Helfe auch das nicht wirklich weiter, lasse man sich am besten an einen Arzt mit der gleichen Muttersprache und dem gleichen kulturellen Hintergrund überweisen, der die persönliche Ausdrucksweise und damit das Leiden besser versteht.