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Berlin/München: Mit dem Kopf im Nacken: Schleudertrauma durch Sitzmängel

Berlin/München : Mit dem Kopf im Nacken: Schleudertrauma durch Sitzmängel

Im Auto fühlen sich viele Fahrer sicher. Das ABS optimiert den Bremsweg, das ESP schützt in zu schnell durchfahrenen Kurven - und wenn es doch einmal kracht, helfen Airbags, schwere Verletzungen zu vermeiden. Vergessen wird dabei eine ganz alltägliche Gefahr, die schmerzhafte Folgen haben kann: der kleine Auffahrunfall mit niedriger Geschwindigkeit.

Er ist für eine hohe Zahl von Schleudertrauma-Fällen verantwortlich. Gründe dafür sind einerseits in der Konstruktion des Sitzes und andererseits in der falschen Sitzeinstellung durch die Insassen zu finden. Hinter dem geläufigen Begriff Schleudertrauma verbirgt sich eine Verletzung im Bereich der Halswirbelsäule, die durch eine plötzliche Überdehnung verursacht wird.

Zum Beispiel, wenn der Wagen von hinten gerammt und der Kopf so unerwartet in Richtung Nacken geschleudert wird. Die Fachbezeichnung für das Schleudertrauma lautet Halswirbelsäulensyndrom, kurz HWS. Das HWS zählt zu den häufigsten Verletzungen im Straßenverkehr. „Man geht davon aus, dass es sich in 60 bis 80 Prozent der Unfälle mit Personenschaden bei der Verletzung um ein HWS handelt”, erklärt Wolfram Hell, Leiter des Bereiches Verkehrsmedizin beim ADAC in München.

Die große Zahl der Verletzungen schlägt sich auch in den Kosten nieder, die zum Beispiel Versicherungen in Form von Schmerzensgeld zu tragen haben. Nach Angaben des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) in Berlin haben die im Jahr 2004 gemeldeten rund 200.000 HWS-Beschwerden einen Anteil von 47 Prozent an den gemeldeten Verletzungen. Im Endeffekt wird laut GDV jährlich rund eine halbe Milliarde Euro für HWS-Verletzungen gezahlt. Europaweit sollen die Ausgaben bei etwa fünf Milliarden Euro liegen.

Nicht immer handelt es sich bei einem Schleudertrauma nur um ein kurzzeitiges Ziehen im Nacken. Laut Wolfram Hell werden drei Stufen der Verletzungsschwere unterschieden: Am geringfügigsten sind die Fälle so genannter Mikroläsionen der Muskeln - die Folgen sind einem Muskelkater vergleichbar, die Heilung dauert wenige Tage. Der zweite Schweregrad sind Makroläsionen mit Einblutungen - hier dauert die Heilung bereits einige Wochen. Am schlimmsten sind jene Fälle, bei denen auch Nerven geschädigt werden. Dies sind dann Langzeitfälle, bei denen einen Heilung auch schon mal ein Jahr dauern kann.

Die Schwere der Verletzungen ist nicht nur von der Aufprallgeschwindigkeit abhängig - sondern auch von der Sitzkonstruktion sowie von den Sitzeinstellungen, die von den Insassen selbst vorgenommen werden. Obwohl das Schleudertrauma so häufig ist, sind längst nicht alle Autositze in dieser Hinsicht optimiert. Vielmehr hat jüngst laut dem Verkehrstechnischen Institut der Deutschen Versicherer in Berlin ein Sitztest ergeben, dass Fortschritte eher langsam gemacht werden. Zwar bekamen 28 Prozent der getesteten Sitze die Beurteilung „gut”. Doch immer noch finden sich in 22 Prozent der Autos schlechte Sitz-Kopfstützen-Kombinationen.

„Ein Problem sind in vielen Fällen Kopfstützen, die zu weit vom Kopf entfernt sind”, sagt Klaus Brandenstein, Sprecher des Verkehrstechnischen Institutes. Denn so wird der Kopf nicht gleich bei dem Heckaufprall abgestützt, sondern schnellt ein Stück nach hinten, bevor er auf die Kopfstütze trifft. Ein anderer Fall sind Kopfstützen, die sich nicht weit genug herausziehen lassen, so dass sie nicht den Kopf stützen, sondern bei einem Unfall vielmehr im Nackenbereich auftreffen.

Bei der Sitzkonstruktion selbst geht es nach Angaben von Wolfram Hell unter anderem darum, dass die Bewegungsenergie aufgenommen wird. Der Sitz soll den Körper nach dem Unfall nicht mit seiner Federwirkung wieder nach vorne schleudern. Ähnlich wichtig wie die Konstruktion der Sitze ist das, was die Insassen damit machen: „Mit ein paar Sekunden Aufwand lässt sich die Gefahr eines Schleudertraumas verringern”, erklärt Sven Janssen, Sprecher des Automobilclubs von Deutschland (AvD) in Frankfurt/Main. „An das Anschnallen denken die meisten Menschen mittlerweile - an das Einstellen der Kopfstütze nicht.”

„Die Kopfstützen werden am besten so eingestellt, dass sie in der Höhe mit dem Oberkopf abschließen”, erläutert Marion Steinbach, Sprecherin der Deutschen Verkehrswacht (DVW) in Bonn. Der Abstand zwischen Hinterkopf und Stütze sollte so gering wie möglich ausfallen. Zusätzlich sollte auf eine gute Sitzposition geachtet werden: So steht die Sitzlehne laut Marion Steinbach am besten möglichst aufrecht - dann erst ist die Schutzwirkung von Sitz und Kopfstütze optimal. Und höhenverstellbare Gurte sind so auszurichten, dass das Gurtband wirklich über die Schulter läuft.

Auch eine zu dichte oder zu weit entfernte Sitzposition am Lenkrad ist zu vermeiden. „Die Entfernung zum Lenkrad ist ideal, wenn man mit ausgestreckten Armen die Handgelenke oben auf das Lenkrad legen kann”, sagt Marion Steinbach. Die Schultern müssen dabei weiter an der Sitzlehne anliegen. Die Pedale sollten sich außerdem so durchtreten lassen, dass das Bein auch am Ende des Pedalwegs noch leicht angewinkelt ist. Erst wenn all diese Hinweise berücksichtigt werden, können die Insassen darauf vertrauen, von den Systemen des Autos optimal geschützt zu werden.