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Heidelberg: Lungenkrebs geht fast immer auf Zigarettenkonsum zurück

Heidelberg : Lungenkrebs geht fast immer auf Zigarettenkonsum zurück

Wenn das Ende naht, kommen häufig noch Schuldgefühle dazu. Dann hadern schwerkranke Lungenkrebspatienten mit sich selbst, weil sie eines doch hätten wissen müssen: dass die vielen Zigaretten sie irgendwann umbringen würden.

„85 Prozent aller Lungenkarzinome gehen auf jahrelanges Rauchen zurück”, sagt Professor Michael Thomas, Chefarzt der Thoraxonkologie im Universitätsklinikum Heidelberg. Die Sterblichkeitsrate ist hoch: Nichtmal jeder sechste Patient überlebt die nächsten fünf Jahre nach der Diagnose.

Um neue Erkenntnisse handelt es sich dabei nicht. „Rauchen kann tödlich sein” - das steht seit Jahren auf jeder Kippenpackung. Der Qualm einer einzelnen Zigarette enthält Dutzende toxische und krebserregende Stoffe. Dennoch gehen nach Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums hierzulande jeden Tag 386 Millionen Glimmstängel in blauem Dunst auf.

Wer einmal mit dem Qualmen angefangen hat, kommt nur schwer wieder davon los. Vielen Nikotinsüchtigen gelingt es im ganzen Leben nicht, ihr Laster aufzugeben. So kommt es mitunter vor, dass Lungenkrebspatienten noch im Hospiz die Pflegeschwester um eine Zigarette bitten.

Die Wahrscheinlichkeit, an Lungenkrebs zu erkranken, berechnen Mediziner in sogenannten Packyears. Ein Packyear heißt, dass ein Raucher ein Jahr lang ein Päckchen Zigaretten pro Tag qualmt. „Ab 20 Packyears geht das Risiko, an einem Lungenkarzinom zu erkranken, nach oben”, sagt Professor Dieter Köhler von der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie. Den Effekt von 20 Packyears hat auch derjenige, der zehn Jahre lang zwei Schachteln am Tag raucht.

Im Frühstadium wächst der Tumor in der Lunge meist unbemerkt. Denn im Gegensatz zu anderen Organen führen bösartige Zellveränderungen im Lungengewebe zunächst zu keinen Schmerzen. Erst wenn sich das Karzinom im Bronchialbereich ausdehnt, kommt es zu Reizungen der Schleimhaut: Der Betroffene muss husten, manchmal auch blutig. Zu diesem Zeitpunkt hat der Krebs häufig schon Tochtergeschwülste gebildet: „Bei etwa der Hälfte der Patienten liegen bei der Erstdiagnose Fernmetastasen in anderen Körperregionen vor”, sagt Onkologe Thomas.

Für diese Patienten sind die Heilungschancen sehr gering. Zwar wurden in den vergangenen Jahren durchaus Fortschritte bei den Behandlungsmöglichkeiten erzielt - etwa durch wirksamere Medikamente in der Chemotherapie. „Letztlich sind diese Maßnahmen aber immer nur lebensverlängernd, gesund werden die Patienten in der Regel nicht mehr”, sagt Lungenarzt Köhler. Dies verdeutlicht auch ein Blick auf die Tumorregister der einzelnen Bundesländer: Im Großen und Ganzen stagniert die Sterblichkeitsrate seit vielen Jahren.

Heilbare Tumoren werden fast ausschließlich im Frühstadium entdeckt - meist zufällig, beispielsweise bei einer Röntgenuntersuchung des Brustkorbs. „In diesem Fall ist die Prognose, die Erkrankung in den Griff zu bekommen, mittlerweile recht gut”, sagt Onkologe Thomas. Mediziner sprechen von der sogenannten adjuvanten Therapie: Nachdem der Tumor operativ entfernt ist, kommen Chemotherapie und andere Behandlungen zum Einsatz, um die Entstehung von Metastasen möglichst im Keim zu ersticken. Die Heilungschancen in der adjuvanten Therapie sind Thomas zufolge in den vergangenen Jahren von 50 auf 70 Prozent gestiegen.

Angesichts dieser Entwicklung debattieren Ärzte, ob für Raucher nicht verstärkt Maßnahmen zur flächendeckenden Krebs-Früherkennung ergriffen werden sollten. Studien untersuchen derzeit die Erfolgsquoten von Vorsorge-Screenings mittels niedrig dosierter Computertomographie. Die Ergebnisse stehen noch aus. „Wir wissen aber bereits, dass man bei etwa drei Prozent der Raucher mit 40 Packyears ein Karzinom findet”, sagt Thomas. Weitere 25 Prozent hätten auffällige Lungenherde, aus denen bösartige Tumore entstehen können.

Per Screening könnten diese Herde in Zukunft wesentlich früher erkannt und entfernt werden. „Die Frage ist nur, ob die Operation tatsächlich immer notwendig ist”, sagt Krebsspezialist Thomas. Denn häufig „dämmerten” verdächtige Herde über Jahre dahin, ohne sich jemals zu einem Karzinom zu entwickeln.

Beste Prävention ist und bleibt der Verzicht auf Zigaretten. Auch ist es niemals zu spät, das Laster aufzugeben: Selbst eine arg verrußte Raucherlunge ist noch erholungsfähig. „Wenn man vor dem 30. Lebensjahr mit dem Rauchen aufhört, kann sich die Lunge vollständig regenerieren”, betont Pneumologe Köhler.