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Freiburg: Krankheit mit hoher Dunkelziffer: Sexsucht bleibt meist im Geheimen

Freiburg : Krankheit mit hoher Dunkelziffer: Sexsucht bleibt meist im Geheimen

Das in den vergangenen Wochen durch Berichte über US-Prominente bekannter gewordene Thema der „Sexsucht” ist in Deutschland noch ein großes Tabu.

Schätzungen zufolge leidet etwa ein Prozent der Bevölkerung unter einem gesteigerten sexuellen Verlangen, sagte Michael Berner, Sexualmediziner an der Freiburger Uni-Klinik, im ddp-Interview.

Es müsse aber von einer sehr hohen Dunkelziffer ausgegangen werden. Die Schätzungen beruhten vor allem auf der Zahl der Betroffenen, die sich wegen ihres Leidensdrucks professionelle Hilfe zur Bekämpfung ihrer Sucht holten, sagte der ärztliche Direktor der Rhein-Jura Klinik in Bad Säckingen. „Es kommt eher selten dazu, dass jemand in Therapie geht - und wenn, können Jahre vergehen.” Golfprofi Tiger Woods hätte sich seiner Meinung nach vermutlich nie behandeln lassen, wenn sein angebliche „Sexsucht” nicht öffentlich geworden wäre.

Grundsätzlich ähnle das Krankheitsbild der „Hypersexualität” dem anderer Süchte. „Der Betroffene braucht eine immer höhere Dosis, um die befriedigende Wirkung halten zu können”, erläuterte Berner. Sexuelle Themen nähmen im täglichen Leben immer mehr Platz ein und verdrängten das Interesse an anderen Bereichen. Im weiteren Verlauf sei der Sexsüchtige nicht mehr in der Lage, sein Verhalten so zu kontrollieren, wie er es wünsche.

Das wiederum habe negative Folgen, die in der Regel aber erstmal akzeptiert würden: „Die Beziehung kann in die Brüche gehen, die Schulden immer größer werden”, sagte der Experte. Dabei spiele es keine Rolle, ob es um Sex mit dem Partner oder das Wählen von Telefon-Hotlines gehe.

Bei einem Fall habe einer seiner Patienten allein durch Telefon-Sex einen Schuldenberg von 30.000 Euro angehäuft. „Oft muss es ähnlich weit kommen, bis der Betroffene merkt, dass da etwas nicht stimmt, dass der Leidensdruck entsprechend hoch ist”, sagte Berner.

Eine Ursache für das gesteigerte Verlangen nach Sex seien oft Depressionen. Behandeln lasse sich Sexsucht mit Medikamenten, die den Serotonin-Spiegel im Gehirn erhöhen: Der Betroffene könne sein Verhalten dadurch besser kontrollieren.

Mit den zahlreichen Möglichkeiten der Suchtbefriedigung im Internet sei die Zahl seiner Patienten nicht „spürbar mehr geworden”, sagte der Mediziner, der seit rund zehn Jahren als Therapeut arbeitet. „Im Gegenteil ist möglicherweise die Anonymität der Sexsucht noch größer geworden.” Auch in diesem Bereich sei das Vermögen zur Einsicht, dass eine Therapie notwendig sei, gering, sagte Berner.