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Münster: Klasse statt Masse: Nachfrage nach Bio-Produkten steigt

Münster : Klasse statt Masse: Nachfrage nach Bio-Produkten steigt

„Wir sind im Trend”, freut sich Bauer Joachim von Reden. „Die Zeiten, in denen der Bio-Kunde geduzt werden wollte und aus ideologischen Gründen Öko-Produkte kaufte, sind vorbei.” Landwirt von Reden hat sich auf seinem Hof im lippischen Dörentrup auf den ökologischen Landbau spezialisiert.

Und er hat damit Erfolg. „Noch vor 12 Monaten hätte mich jeder ausgelacht, dem ich erklärt hätte, dass wir heute einen Doppelzentner Dinkel für 85 Euro verkaufen könnten”, sagt er. Genau das ist aber eingetreten.

Der Bio-Markt boomt. Gaben 2006 noch 68 Prozent der Verbraucher an, zumindest gelegentlich Öko-Lebensmittel zu kaufen, waren es im vergangenen Jahr bereits 93 Prozent. Das geht aus Untersuchungen des Agrar-Marketingexperten Prof. Ulrich Hamm von der Universität Kassel hervor. Als wichtige Kaufmotive sieht der Wissenschaftler den Tier- und Umweltschutz sowie den Geschmack. Bei jungen Familien mit Kleinkindern und bei älteren Menschen seien gesundheitliche Gründe ausschlaggebend.

„Eine fantastische Erfolgsgeschichte!”, sagt der Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG), Carl-Albrecht Bartmer, bei der DLG-Wintertagung in Münster. „Die Produktion kommt der Nachfrage nicht hinterher.”

Das liegt vor allem daran, dass zu wenig Bauern ihren konventionellen Betrieb auf Bio-Produktion umstellen. Während der Öko-Umsatz in Deutschland von 2001 bis 2006 um 70 Prozent anstieg, wuchs die Öko-Anbaufläche nur um 31 Prozent. Besonders seitdem auch die großen Discounter Bio-Produkte anbieten, entstehen immer wieder Versorgungsengpässe. Allein die Supermarktkette Kaisers/Tengelmann vergrößerte ihr Bio-Sortiment nach eigenen Angaben von 250 Artikeln im Jahr 1999 auf 1100 Artikel im vergangenen Jahr. Die große Nachfrage der Verbraucher kann nur durch vermehrte Importe aus dem Ausland gedeckt werden.

Viele Landwirte machen politische Entscheidungen für die Diskrepanz zwischen dem Umsatz mit Öko-Lebensmitteln und der Öko- Anbaufläche verantwortlich. Ab 2005 wurden die Flächenprämien für die Umstellung auf Öko-Landbau in einzelnen Bundesländern zeitweise ausgesetzt und in fast allen Bundesländern deutlich gesenkt. Bei den österreichischen Nachbarn ist die Prämie etwa dreimal so hoch und auch in osteuropäischen Staaten bekommen Landwirte, die auf Öko- Produktion umsatteln, mehr Geld als hierzulande.

„Die Senkung der Prämie war ein klares politisches Signal, das damals schon falsch war und immer noch falsch ist”, sagt Hamm. „Darum kommen Bio-Kartoffeln in Deutschen Supermärkten jetzt aus Ägypten und unterliegen weniger strengen Kontrollen”, ärgert sich Öko-Bauer von Reden.

Dass Bio-Anbauflächen quantitativ weniger Ertrag bringen als herkömmlich bewirtschaftete Acker, sieht Hamm auch vor dem Hintergrund von Millionen hungernden Menschen auf der Welt nicht als Problem. „Versorgungssicherheit heißt nicht nur Masse, sondern auch Qualität. Und es ist ja nicht so, dass sich die Menschen in den Entwicklungsländern die herkömmlichen Landwirtschaftsprodukte aus Europa leisten könnten.” Daher sei es wichtig, landwirtschaftliches Know-how, das in die Regionen passt, in diese Länder zu bringen - „und damit wären wir wieder beim Öko-Landbau”, sagt Hamm.