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Berlin: Immer mehr Kinder durch Fehlernährung krank

Berlin : Immer mehr Kinder durch Fehlernährung krank

Immer mehr Kinder werden nach Angaben von Bundesverbraucherminister Horst Seehofer (CSU) durch falsche Ernährung und zu wenig Bewegung krank. „Es ist erschreckend, dass bereits 6000 Kinder jährlich neu an Altersdiabetes erkranken”, sagte er in einer Regierungserklärung im Bundestag zum Aktionsplan Ernährung.

Diese Zahl werde sich drastisch erhöhen und „Unsummen an Behandlungskosten verschlingen”. Falsche Ernährung sei vor allem ein Problem von Kindern sozial benachteiligter Familien und mit Zuwanderungshintergrund. Kinder bewegten sich auch zu wenig. Seehofer kündigte mehr Aufklärung an und rief die Länder zu mehr Schulsport auf. Die Opposition verlangte konkretere Maßnahmen.

Fast zwei Millionen Kinder gelten in Deutschland laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts als übergewichtig. Die Bundesregierung bereitet einen Aktionsplan für gesündere Ernährung und mehr Bewegung vor. Seehofer warb für „Beratung statt Bevormundung”. Er sagte: „Wir müssen uns an alle Bevölkerungsschichten wenden.”

Fast Food und Fertigprodukte hätten das Essverhalten in den vergangenen 30 Jahren stärker verändert als in 30-000 Jahren zuvor. Seehofer mahnte mehr Bewegung an: Nur ein Fünftel treibe in Deutschland regelmäßig Sport, in anderen EU-Ländern sei der Anteil doppelt so hoch. Kinder säßen fünf Stunden im Durchschnitt pro Tag vor Computer, Fernseher oder Spielekonsole. Diese Zeit fehle ihnen für Fußballspielen und Radfahren, beklagte der Vater von drei Kindern.

Grünen-Fraktionschefin Renate Künast forderte ein Fernseh-Werbeverbot für Kinder-Lebensmittel zumindest tagsüber. „Die kleinen Kinder brauchen den Schutz dieser Gesellschaft.” Die Vorgängerin von Seehofer warnte auch vor einer Diskriminierung von Übergewichtigen. Der FDP-Verbraucherpolitiker Hans-Michael Goldmann lehnte wie Seehofer neue Verbote ab. Auf Kritik bei Union und FDP stieß auch die Forderung von Künast nach einer Ampel-Kennzeichnung von Lebensmitteln, nach der Rot viel Fett oder Zucker bedeuten würde. Die SPD hält eine Kennzeichnungspflicht allerdings für sinnvoll.

Die Abgeordneten waren sich einig, dass besonders sozial schwache Bevölkerungsgruppen besser über gesunde Ernährung aufgeklärt werden müssen. Die Grünen schlagen ein 20-Millionen-Euro-Programm des Bundes für Ernährung und Bewegung vor, das sich vor allem an solche Familien richtet. Die Vorsitzende des Gesundheitsausschusses, Martina Bunge (Linkspartei), sagte, viele Familien könnten sich das Schulessen nicht leisten. Die CDU-Politikerin Ursula Heinen nannte es „Schwachsinn”, dass auf Mensaessen weniger Mehrwertsteuer fällig werde als auf Schulessen. Union und SPD wiesen auch auf das Problem von Magersucht hin.

Bisherige Appelle für gesündere Ernährung waren wohl wenig erfolgreich: Ungesundes Essen wird bei den Bundesbürgern immer beliebter. Rund ein Drittel gab bei einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung für die „Apotheken Umschau” an, sie wollten auf Hamburger, Döner, Bratwurst und Pommes frites nicht verzichten - vor vier Jahren waren es 28,8 Prozent. Vor allem Jüngere wollen sich nicht von den fettigen Snacks trennen.

Die Abgeordneten nehmen es offensichtlich auch nicht so genau: „Die Schlipsträger aus dem Bundestag” zählen zu den Stammgästen der einzigen Currywurstbude in Reichstagsnähe, sagte Besitzerin Elke Zieschang der Hörfunkagentur dpa/Rufa. „Des öfteren kommt Frau Künast.”