Aachen: Im Netz aus Traurigkeit, Schmerz und Verzweiflung

Aachen: Im Netz aus Traurigkeit, Schmerz und Verzweiflung

Bleierne Müdigkeit und Grübelei? Hoffnungslosigkeit und Schuldgefühle? Verzweiflung, die sich bis zur Aggressivität steigern kann, Appetitlosigkeit und hartnäckige Schlafstörungen?

Wer bereits seit mehreren Wochen bei sich diese Symptome beobachtet, sollte etwas unternehmen, denn hier könnte es sich um eine behandlungsbedürftige Erkrankung handeln, von der in Deutschland derzeit mindestens vier Millionen Menschen jeden Alters betroffen sind. „Depression - Eine Krankheit mit vielen Gesichtern” lautet das Thema beim nächsten Forum Medizin am Dienstag, 6. Juli, 18 Uhr, im Großen Hörsaal 4 (GH4) des Klinikums Aachen (Pauwelsstraße), einer Veranstaltung von Aachener Zeitung und Universitätsklinikum.

Als Experten geben an diesem Abend dem Publikum Rat und Hilfe: Professor Dr. Frank Schneider, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Aachen, Professor Dr. Nicole Kuth, Leiterin des Lehr- und Forschungsgebiets Allgemeinmedizin an der RWTH Aachen und niedergelassene Ärztin, Dr. Ulrike Beginn-Göbel, Diplom-Psychologin, Ärztliche Direktorin (komm.) der LVR-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Düren, Dr. Frank Bergmann, niedergelassener Facharzt für Neurologie und Psychiatrie Aachen, sowie Professor Dr. Ute Habel, Leiterin der Arbeitsgruppe Neuropsychologische Geschlechterforschung, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum.

Lebensbedrohliche Ausmaße

„Ich fühle mich seit einer Weile irgendwie gar nicht gut” - ein Satz, bei dem Nicole Kuth aufhorcht. „Es gibt für die Depression kein klassisches Bild, diese Erkrankung ist eher unspezifisch, und gerade das macht sie so gefährlich.” Eine Depression kann lebensbedrohliche Ausmaße annehmen - die Zahl von jährlich 10.000 Suiziden und rund 150000 Suizidversuchen dokumentiert den hohen Leidensdruck der Betroffenen. Fehlende Hoffnung und mangelnde Energie der Erkrankten, die große Angst vor einer Stigmatisierung haben („Ich bin doch nicht verrückt...”), aber auch diagnostische und therapeutische Defizite einiger Ärzte führen dazu, dass trotz guter Behandlungsmöglichkeiten eine große Zahl depressiv Erkrankter nicht die optimale Therapie erhalten.

Nicht selten signalisiert ein Begriff wie „Bournout”, der viel häufiger genutzt wird, als „Depression” eine Krise mit schweren Folgen. „Ein Modewort, dahinter kann sich aber die Depression verbergen”, betont Frank Bergmann. „Es beginnt mit einer Überlastung, mit einer Menge von Arbeit, die tatsächlich zu groß ist.” Doch das allein löst dieses „ausgebrannte” Gefühl nicht aus.

„Es ist eine emotionale Belastung, Anerkennung und Spaß an der Arbeit fehlen”, weiß der Psychiater. Betroffen sind viele Lehrer, aber auch Menschen, die in der Pflege tätig sind, und Sozialarbeiter. „Wo es um Tod, Leid und Krankheit geht, steigt das Risiko.” Wenn ein Mensch an einer Depression erkrankt, ist gleichfalls sein Umfeld betroffen, brauchen häufig Familien und Partner zusätzliche Unterstützung, um einen Kranken zu begleiten.

Vielfach unterschätzt werden die körperlichen Symptome einer Depression: „Schmerzen können der Ausdruck einer persönlichen Krise sein”, sagt Frank Bergmann. „Wartet man zu lange mit der Behandlung, werden sie chronisch. Es ist die Aufgabe einer nervenärztlichen Praxis festzustellen, was Beschwerden bedeuten, die ja durchaus organische Ursachen haben könnten.”

Eine wichtige Feststellung: „Diese Patienten bilden sich Schmerzen nicht ein. Die Beschwerden sind real.” Gleichzeitig kann die Depression Vorbotin von Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Diabetes sein. „Wir lassen jeden depressiven Patienten routinemäßig vom Kardiologen untersuchen”, bestätigt Frank Schneider. Nur wenn der Betroffene Akzeptanz durch den behandelnden Arzt erfahre, sei eine erfolgreiche Behandlung möglich, die meist in der Kombination von Psychotherapie und Medikamenten abläuft.

„Depressionen haben viele Gesichter”, bestätigt auch Ulrike Beginn-Göbel. „Schon bei Menschen, die ein Jahr lang fehlbehandelt werden, ist der Genesungsprozess erschwert.” Patienten, die zu ihr in die LVR-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie nach Düren kommen oder sogar zwangsweise eingewiesen werden, weil akute Selbstmordgefahr besteht, haben häufig in Zusammenhang mit einer Depression diverse Suchtprobleme.

„Sucht, Medikamtenabhängigkeit und Depression hängen sehr eng zusammen.” Hier wird eine Entgiftung notwendig, bevor die Depression gezielt behandelt werden kann. „Wir haben es hier mit Risikopatienten zu tun”, betont die Ärztin. Nicht nur die Symptome einer Depression sind von Mensch zu Mensch verschieden - es gibt sogar typisch männliche und typisch weibliche Reaktionen: „Männer greifen häufiger zu Alkohol, sind reizbar und aggressiv”, weiß Ute Habel.

Bei Frauen, die doppelt so häufig an einer Depression erkranken als Männer, drückt sich eine Störung häufig durch Schmerzen, Grübeln, negative Gedanken und gestörtes Essverhalten aus. Sind auch Hormone Auslöser? Empfinden Frauen stärker den „zwischenmenschlichen Stress?” Ute Habel, die sich speziell mit Geschlechterforschung beschäftigt, ist da skeptisch. „In erster Linie liegt eine genetische Belastung vor”, betont sie. „Tritt erhöhter Stress auf, kann die Erkrankung ausbrechen.” Nur so ist es zu erklären, dass nicht alle Menschen, die schwere traumatische Erlebnisse zu verkraften haben, depressiv werden.

Die Therapie bei Depressionen ist, so Ute Habel, „harte Arbeit”, denn die meisten Patienten würden lieber nur ein Medikament einnehmen, statt eine Psychotherapie zu akzeptieren. „Eine Behandlung ist nicht in zwei Wochen erledigt, das dauert eine Weile”, sagt Habel. „Wer eine Depression erleidet, muss neu lernen, mit seinem Leben umzugehen.”

Schon wenn Sie bei drei der angeführten Punkte mit „Ja” antworten würden, sollten Sie einen Facharzt aufsuchen. Leiden Sie seit mehr als zwei Wochen unter:

1. Gedrückter Stimmung;
2. Interessenlosigkeit und/oder Freudlosigkeit, auch bei sonst angenehmen Ereignissen;
3. Schwunglosigkeit und/oder bleierner Müdigkeit und/oder innerer Unruhe;
4. fehlendem Selbstvertrauen und/oder fehlendem Selbstwertgefühl;
5. verminderter Konzentrationsfähigkeit und/oder starker Grübelneigung und/oder Unsicherheit beim Treffen von Entscheidungen;
6.starken Schuldgefühlen und/oder
vermehrter Selbstkritik;
7. negativen Zukunftsperspektiven und/oder Hoffnungslosigkeit;
8. hartnäckigen Schlafstörungen;
9. vermindertem Appetit;
10. tiefer Verzweiflung und/oder Todesgedanken?

Haben Sie Fragen zum Thema? Die Experten beim AZ-Forum geben Antwort. Der Eintritt ist frei.