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Köln: Gottes Apotheker: Klostermedizin erweist sich als erstaunlich modern

Köln : Gottes Apotheker: Klostermedizin erweist sich als erstaunlich modern

Der Mönch Kilian Saum widmet sich seit Jahren mit Leib und Seele der Klostermedizin. „Lebensmittel seien Arzneien und Arznei sei Lebensmittel” - Die antike Weisheit des Griechen Hippokrates (um 460 bis 370 vor Christus) zählt zu den Lieblingszitaten des Benediktiners.

Das alte Wissen entpuppt sich teils als hochmodern. Manche klösterliche Ratschläge enthalten die Quintessenz moderner Krankheits-Vorsorge. „Besonders interessant ist, wieviel auf Ernährung geachtet wurde”, pflichtet der Medizinhistoriker Johannes Mayer bei, der mit Pater Saum zusammen Bücher über die Klosterheilkunde schrieb.

„Es gab viel Getreide als allgemeine Nahrungsgrundlage und stets zwei Gänge mit Gemüse und Salat”, führt er aus. Dagegen aß der einfache Mönch „praktisch kein Fleisch von Säugetieren”. Schwein, Rind oder Wild landeten sehr selten auf dem Tisch, wohl dagegen Fisch und Hühnchen.

In den Klöstern gab es nur zwei Mal am Tag zu essen, zu ganz festen Zeiten. Gleichzeitig herrschte ein „idealer Wechsel zwischen Ruhe und Arbeit” - ora et labora. Bewegung, Entspannung und diese Kost wirken gegen die Zivilisationskrankheiten Diabetes, Arterienverkalkung, Krebs, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall, Gicht und Gallensteine, bestätigt heute die Wissenschaft.

In seiner Rolle als wissenschaftlicher Koordinator der Forschungsgruppe Klostermedizin fahndet Mayer an der Universität Würzburg in alten Schriften. Stößt er etwa auf Kräuter mit unbekannten Anwendungen, informiert er ein beteiligtes Pharma-Unternehmen, wo die beschriebene Heilwirkung überprüft wird. „Wir sind an mehreren Sachen dran”, berichtet der Experte, doch Genaueres müsse er derzeit noch geheim halten.

Die Heilkundigen unter den Mönchen und Nonnen wollten die Gesundheit von Körper, Geist und Seele erhalten. Diese ganzheitliche Betrachtung des Menschen lässt sich vielerorts finden. Pater Kilian erklärt: „Es sind universelle Weisheiten, da wir alle eine gemeinsame Wurzel haben. Die Traditionelle Chinesische Medizin, Ayurveda und die Klosterheilkunde als europäische traditionelle Medizin haben eine Quelle, nur entfaltet in den jeweiligen kulturellen Gegebenheiten und Gebieten”.

Der Mönch leitete einst die Krankenabteilung im Kloster St. Ottilien, wo er „viele Rezepturen der Mitbrüder früherer Zeit entdecken konnte”. Er erklärt, dass Brüder seines Ordens das antike Wissen gesammelt und gerettet haben. „Die Schriften wurden kopiert und damit durch Gründungen der Klöster wie ein Netzwerk in ganz Europa verbreitet”.

Man übernahm auch die griechische Lehre von den Körpersäften. Die gelbe Galle galt als trocken und heiß, die schwarze Galle als kalt und trocken. Hinzu kamen das feucht-heiße Blut und der kalte, feuchte Schleim. Ein Übermaß an einem Saft störte die Harmonie und führte zu Krankheiten von Körper und Geist.

Ein ähnliches Menschenbild findet sich auch in der Traditionellen Chinesischen Medizin und der indischen Kultur: Sie wollen die Gegensätze Yin und Yang beziehungsweise zwischen den sogenannten Doshas - also den verschiedenen Lebensenergien - ausbalancieren. Aus Sicht der Schulmedizin ist die Lehre von den vier Körpersäften falsch. Dennoch sind die daraus abgeleiteten Therapien paradoxerweise oft richtig.

Zum Beispiel wurde gegen die kalte, feuchte Arteriosklerose Meeresfisch verordnet, denn er galt als wärmend und trocknend. Damit trafen die mittelalterlichen Medizinmänner den Nagel auf den Kopf. Die vor allem in Lachs und Hering enthaltenen Omega-3-Fettsäuren bewahren vor Entzündungen der Gefäße und senken den Cholesterinspiegel. Ebenso wurden zum Herzschutz Rapsöl, Äpfel, Knoblauch und Artischocken empfohlen - nach heutigem Wissen können deren Inhaltsstoffe die Blutfette tatsächlich senken.

Medizinhistoriker Mayer nimmt an, dass die genaue Beobachtung der Umwelt zu den richtigen Schlüssen führte. Die Kräuterkundigen kannten die Wirkung der Pflanzen und kleideten sie in ihre damalige Vorstellung von der Natur des Menschen. Im Laufe der Geschichte nahm die Klostermedizin öfters Anleihen an der Volksmedizin.

Hildegard von Bingen (um 1098 bis 1179) schenkte den Kräuterweibern Gehör und überlieferte so das Wissen über Calendula und Arnika. Die Universalgelehrte verkörpert das Prinzip der Klosterheilkunde: Eine naturwissenschaftliche Sichtweise mündet in eine ganzheitliche Betrachtung: Die Krankheit eines Menschen und ihre Heilung hängen eng mit seiner Lebensweise, seinen Lebensumständen und seiner seelischen Verfassung zusammen.