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London: Gähnen ist für Autisten nicht ansteckend

London : Gähnen ist für Autisten nicht ansteckend

Autistische Kinder lassen sich nicht so leicht vom Gähnen eines anderen Menschen anstecken wie Gleichaltrige ohne die Entwicklungsstörung. Das haben japanische und britische Wissenschaftler beobachtet, als sie Kindern im Alter von 7 bis 16 Jahren Videofilme von gähnenden Männern und Frauen zeigten.

Der Unterschied ist nach Ansicht der Forscher ein Beleg für die These, dass Einfühlungsvermögen und Mitgefühl Voraussetzungen für das Phänomen des ansteckenden Gähnens sind - schließlich sind es gerade diese Fähigkeiten, die bei den meisten Autisten nur schwach ausgeprägt sind.

Das berichtet das Team um Atsushi Senju von der Universität von London in der Fachzeitschrift „Biology Letters” der britischen Royal Society (Online-Vorabveröffentlichung, DOI: 10.1098/rsbl.2007.0337).

Spontanes Gähnen ist unter Wirbeltieren weit verbreitet. Dagegen kommt der unwiderstehliche Drang, ebenfalls zu gähnen, wenn jemand in der Nähe auch nur dazu ansetzt, nach bisherigem Wissen ausschließlich bei Menschen, Schimpansen und möglicherweise noch Stummelschwanzmakaken vor.

Und obwohl dieses Phänomen bereits seit einiger Zeit intensiv untersucht wird, können Forscher bis heute nicht genau sagen, was hinter diesem merkwürdigen Drang zum Mitgähnen steckt. Die im Moment am weitesten akzeptierte Theorie sieht im ansteckenden Gähnen einen Akt der Empathie, bei dem sich ein Mensch unbewusst in sein Gegenüber hineinversetzt und dessen Gefühle nachvollzieht.

Sollte das stimmen, so die These der Forscher um Senju, müsste die Ansteckung bei Menschen versagen, die Gefühle von anderen nur sehr schwer einschätzen können. Da ein solches Unvermögen typisch für Autismus ist, testeten die Wissenschaftler bei 24 autistischen und 25 gesunden Kindern, wie sie auf Videoaufnahmen von gähnenden Menschen reagierten. Das Ergebnis bestätigte die Vermutungen: Die autistischen Kinder ließen sich nicht zum Mitgähnen animieren, wohingegen die kleinen Kontrollprobanden während des Tests wie erwartet häufiger gähnten als sonst.

Der deutliche Unterschied zwischen den beiden Gruppen lasse sich als Bestätigung der Empathie-These deuten, schreiben die Forscher. Allerdings seien weitere Studien nötig, um diesen Zusammenhang zu bestätigen, denn es gebe noch weitere potenzielle Erklärungen. So sind Autisten häufig sehr auf den Mund ihres Gegenübers fixiert und achten nur wenig auf die Augenpartie, erklären die Wissenschaftler.

Gerade die Augen vermitteln nach heutigem Kenntnisstand jedoch die wichtigsten Auslöser für das ansteckende Gähnen. Außerdem müsse ausgeschlossen werden, dass ein defektes Spiegelneuronensystem für die Ergebnisse verantwortlich sei. Dieses Geflecht aus Nervenzellen ist dafür zuständig, beobachtete Bewegungen und Aktionen nachzuvollziehen und daraus zu lernen.