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Remscheid/Berlin: Frühes Erkennen von Warnsignalen kann Schlaganfällen vorbeugen

Remscheid/Berlin : Frühes Erkennen von Warnsignalen kann Schlaganfällen vorbeugen

Meistens dauert der Aussetzer nur einen kurzen Moment. Ein taubes Gefühl schleicht sich zum Beispiel in Hände und Finger, dazu gesellt sich ein unangenehmes Kribbeln und der Arm will nicht mehr gehorchen.

Nach wenigen Minuten ist der Spuk manchmal schon wieder vorbei: Muskeln und Gelenke funktionieren wieder einwandfrei und die Beschwerden sind wie weggeblasen. „Solche kurzzeitigen Taubheits- und Lähmungserscheinungen werden oft nicht ernst genommen”, bemängelt Professor Otto Busse, Sprecher der „Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG)”. Dabei seien sie fast immer Vorbote eines „großen” Schlaganfalls mit bleibenden Schäden. Wer früh reagiert, kann das Risiko deutlich senken.

Die kurzen Aussetzer sind unter dem Namen TIA (Transitorisch-ischämische Attacke) bekannt. Ein kleiner Blutpfropfen verstopft für kurze Zeit eine Arterie, bestimmte Hirnareale werden nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt und die von dort gesteuerten Körperfunktionen fallen aus. „Eine TIA ist im Grunde ein kleiner Schlaganfall”, erläutert Professor Ulrich Sliwka, Neurologe am Remscheider Sana-Klinikum und Sprecher der „Deutschen Schlaganfall-Hilfe”. Die Verstopfung löse sich bei der Attacke in den meisten Fällen innerhalb weniger Minuten. Dies sei allerdings kein Grund, sich in Sicherheit zu wiegen: Denn laut Studien erlitten etwa 15 Prozent der nicht behandelten TIA-Patienten schon innerhalb eines Monats einen „großen” Hirninfarkt.

Die kurzen Ausfälle können sich sehr unterschiedlich äußern. Neben Lähmungen in Armen und Beinen kann zum Beispiel auch das Berührungsempfinden versagen oder das Sehvermögen ist beeinträchtigt. Häufig ist auch ein taubes Gefühl in einer Gesichtshälfte, dessen äußerliches Zeichen ein herabhängender Mundwinkel sein kann. Typisch ist zudem ein undeutliches oder nuschelndes Sprechen. „Bei manchen Patienten löst sich auch buchstäblich die Grammatik auf”, berichtet Sliwka. Die gesprochenen Wörter seien zwar noch klar verständlich, die Sätze ergäben aber keinen Sinn. Manche Patienten erschienen dadurch zunächst verwirrt.

Selbst von Ärzten würden solche Symptome immer mal wieder falsch beurteilt, bemängelt Sliwka. Dabei gehörten Patienten mit einer TIA auf dem schnellsten Wege in eine Klinik mit einer speziellen neurologischen Abteilung, einer sogenannten stroke unit. Dort werden sie kontinuierlich von spezialisierten Ärzten überwacht und bekommen Medikamente, die verhindern, dass sich im Blut weitere Klumpen bilden. Sind die Symptome noch nicht abgeklungen, kommt auch eine spezielle Lyse-Therapie in Frage, die Verstopfungen in den Gefäßen lösen kann. Eine solche Behandlung ist allerdings nur bis zu viereinhalb Stunden nach Einsetzen der ersten Zeichen möglich, betont Sliwka: „Deshalb ist schnelles Handeln gefragt.”

Nach Angaben der DSG kann die schnelle und fachgerechte Behandlung einer TIA in einer „stroke unit” das Risiko weiterer Schlaganfälle um bis zu 80 Prozent senken. Besonders wichtig sei, dass Spezialisten die Patienten in den ersten Tagen regelmäßig auf neuerliche Ausfälle untersuchten, sagt Busse. Schließlich machten sich die Gefäßverschlüsse weder durch Schmerzen bemerkbar, noch seien sie durch bloße Überwachung mit Apparaten zu erkennen. Überdies könne in der „stroke unit” umgehend mit speziellen Reha-Maßnahmen wie Krankengymnastik oder einer logopädischen Behandlung begonnen werden, sagt Sliwka.

Gegen einen Schlaganfall lässt sich indes bereits einiges tun, bevor Warnzeichen wie eine TIA auftreten. Besonders ein zu hoher Blutdruck könne auf Dauer Hirninfarkte begünstigen, warnt Busse: „Wird der Blutdruck gesenkt - etwa durch regelmäßige Bewegung - sinkt auch das Risiko beträchtlich.” Schädlich sei außerdem fettreiche Ernährung, die zu Übergewicht und hohen Cholesterin-Werten führe. Wer abnehme, sich ausgewogen ernähre und regelmäßig bewege, habe auch ein geringeres Schlaganfall-Risiko, betont der Mediziner. Dazu sollten insbesondere Patienten mit Herzerkrankungen, Diabetes, Durchblutungsstörungen in den Beinen und Thrombose besonders aufmerksam sein.

Von der Vorbeugung mit Vitaminpräparaten und speziellen Bluttests, bei denen der sogenannte Homocystein-Wert bestimmt wird, halten derweil beide Experten wenig. „Der Homocystein-Wert allein ist zur Bestimmung des Schlaganfall-Risikos nicht aussagekräftig”, betont Sliwka. Zudem sei durch Studien erwiesen, dass die Einnahme von Präparaten wie Folsäure oder Vitamin B12 das Hirninfarkt-Risiko nicht senken könne. „Wer sich einigermaßen vernünftig ernährt, hat keinen Folsäure-Mangel”, betont Sliwka. Und Busse ergänzt: „Regelmäßiger Sport nützt in jedem Fall mehr als teure Vitamintabletten.”

Schlaganfall erkennen

Die US-amerikanische Fachgesellschaft „National Stroke Association” und die „Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN)” empfehlen bei Verdacht auf Schlaganfall den sogenannten FAST-Test.

Er kann Hinweise liefern, ob tatsächlich ein Schlaganfall vorliegt:

F wie Face (Gesicht): Bitten Sie den Betroffenen zu lächeln. Bewegt sich eine Gesichtshälfte nicht?

A wie Arms (Arme): Bitten Sie den Betroffenen, beide Arme zu heben. Sinkt ein Arm herab?

S wie Speech (Sprache): Bitten Sie den Betroffenen, einen einfachen Satz zu wiederholen. Spricht er undeutlich? Kann er den Satz nicht korrekt wiedergeben?

T wie Time (Zeit): Wenn Sie eine dieser Fragen mit Ja beantworten, rufen Sie möglichst schnell den Rettungsdienst unter der Nummer 112.

Zahlreiche Informationen zum Thema Schlaganfall bietet die Homepage der „Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe”. Über Suchmaschinen können die Adressen von Krankenhäusern mit „stroke units”, spezialisierten Reha-Kliniken und Fachärzten recherchiert werden: http://schlaganfall-hilfe.de

Auch die „Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft” informiert im Internet über Risikofaktoren, Symptome und Therapien von Schlaganfällen: http://dsg-info.de

Das „Kompetenznetz Schlaganfall” bietet viele Tipps für Betroffene und berichtet über neue Ansätze in Therapie und Forschung: http://kompetenznetz-schlaganfall.de

Brigitte Mohn, Monika Kirschner: „Risiko Schlaganfall: Kompetent vorbeugen, Alarmsignale erkennen, Richtig handeln, Folgen vermeiden”, Egmont Vgs, 2005, 14,90 Euro, ISBN: 978-3802516962

Alexander Hartmann: „Schlaganfall vorbeugen und behandeln - Risikofaktoren, Früherkennung und Erscheinungsformen”, Südwest-Verlag, 2007, 6,95 Euro, ISBN: 978-3517082820