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München: Fitnesscenter als Einstiegsdroge: Wenn der Freizeitspaß zum Zwang wird

München : Fitnesscenter als Einstiegsdroge: Wenn der Freizeitspaß zum Zwang wird

Vergangene Woche war Carsten „stinksauer”. Er ist mit Freunden übers Wochenende weggefahren - und konnte drei Tage lang keinen Sport machen. „Ich fühle mich schlecht, wenn ich nicht trainiere”, sagt der 26 Jahre alte Student aus München. Nach Möglichkeit treibt er jeden Tag Sport. Selbst im Urlaub kennt Carsten keine Gnade.

Allerdings joggt er dann nicht die Zugspitze hoch, sondern sein Hotel hat stets ein Fitnessstudio - auch im Sommerurlaub am Meer.

Bei manchen Menschen wird der Freizeitspaß zur Sucht. „Das ist ähnlich wie beim Raucher ohne Zigarette”, erläutert der Leiter der Sportpsychologie an der Technischen Universität München, Jürgen Beckmann. „Er wird nervös, unruhig und ungehalten.” Alles Denken drehe sich nur darum, schnell wieder Sport treiben zu können.

Auf dem Interdisziplinären Kongress für Suchtmedizin, der am Donnerstag in München beginnt, sei man sich der Brisanz des Themas bewusst. „Extremsport ist eine Sucht”, sagt Leiter Markus Backmund. Noch gibt es keine konkreten Erhebungen über die genaue Zahl der Sportsüchtigen. Doch die Experten sind sich einig, dass es immer mehr werden.

Waren früher hauptsächlich Läufer betroffen, ist heute die „Einstiegsdroge” oft das Fitnessstudio. „Diese Erkrankung ist insgesamt deutlich auf dem Vormarsch”, erläutert der Sprecher der Techniker Krankenkasse in Bayern, Stephan Mayer.

Den Betroffenen sei ihre Sucht meist gar nicht bewusst. „Wir leben in einer sehr sportiven Gesellschaft”, erklärt Beckmann. „Da zieht man den Hut vor Menschen, die oft zum Training gehen.” Leicht bleiben dabei die sozialen Kontakte auf der Strecke.

Auch Carstens Freunde meckern, weil er zu spät zu Verabredungen kommt. Noch kann der Münchner seine Zeit als Student gut einteilten. „Wenn ich bis abends spät im Büro arbeiten würde, wäre das kritisch”, räumt der 26-Jährige ein. Er überlegt kurz und sagt: „Wahrscheinlich würde ich die anderen Verabredungen dem Sport unterordnen - sonst wäre ich nicht glücklich.”

Der Sportpsychologe Beckmann berichtet von Menschen, die ihren Job verlieren und deren Ehe in die Brüche geht, weil sie nur noch Sport im Kopf haben. TK-Sprecher Mayer berichtet: „Die Betroffenen leben oft auf einer sozialen Insel.”

Sportsucht hat nicht nur Folgen für das soziale Umfeld, sondern auch der Köper erleidet Schaden. „Das Immunsystem wird geschwächt, man wird anfälliger für Krankheiten”, sagt Beckmann. „In letzter Konsequenz kann es zum Abbau der Muskulatur kommen.”

Die Ursachen für Sportsucht seien vielschichtig. „Wie bei anderen Süchten auch, haben diese Menschen für bestimmte Probleme keine anderen Bewältigungsformen gefunden”, sagt der Sportpsychologe. Krisen in der Ehe oder Probleme im Job könnten zum Auslöser werden.

Die Experten sind sich einig, dass auch der „Schönheitswahn” eine Rolle spielt. „Schlank zu sein ist ein Ideal”, betont Beckmann. Das ist auch bei Carsten so. Er sei „ein dickes Kind” gewesen. Heute trainiert er täglich und ist stolz auf seinen Körper. „Wegen der Entspannung mache ich das nicht, sondern wegen des guten Aussehens”, bekennt der junge Mann.

Die Sucht tritt häufig in Kombination mit psychosomatischen Erkrankungen auf. „Gerade bei Magersüchtigen gibt es oft einen ungesunden Bewegungsdrang”, sagt der therapeutische Leiter der Beratungsstelle für Essstörungen ANAD e.V. in München, Andreas Schnebel.

Für die Essgestörten sei der Sport einzig Mittel zum Abnehmen. In der Therapie bekämen die Betroffenen daher erst einmal ein „Sportverbot” erteilt, sagt Schnebel. „Das fällt vielen extrem schwer.” Einige würden nachts in der Klinik heimlich stundenlang die Treppen hoch- und herunter rennen.