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Köln: Experte: Schock wird unterschätzt - Millionen Tote weltweit

Köln : Experte: Schock wird unterschätzt - Millionen Tote weltweit

Lebensbedrohliche Schock-Zustände fordern nach Experten-Einschätzung jährlich weltweit Millionen Todesopfer, werden aber in Ausmaß und Ursache noch völlig unterschätzt. „Fünf Millionen Menschen sterben pro Jahr allein durch Unfälle.

Ursachen sind unter anderem starke Blutungen und Blutgerinnungsstörungen, die zu Organversagen und Kreislaufzusammenbruch führen - dem traumatischen Schock.” Das sagte der Direktor des Instituts für Forschung in der Operativen Medizin an der Universität Witten/Herdecke, Prof. Edmund Neugebauer, in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa zu Beginn eines internationalen Schock-Kongresses am Samstag in Köln.

Aus einem traumatischen Schock könne sich zudem eine Sepsis, Blutvergiftung, entwickeln - etwa, wenn Bakterien aus dem Darm in den Blutkreislauf geraten. „Von 100.000 Menschen in Deutschland erkranken jedes Jahr 100 an einem septischen Schock beziehungsweise an einer schweren Sepsis. 54 Prozent der Patienten mit schwerer Sepsis sterben innerhalb von 90 Tagen”, betonte der Präsident des fünftägigen Kongresses.

„Schock ist einer der Hauptgründe unter allen Todesfällen, die Mortalitätszahlen liegen so hoch wie beim Krebs.” Dies wollten die rund 700 renommierten Wissenschaftler aus aller Welt - etwa aus den USA, Japan, China und fast allen europäischen Ländern - in Köln in einer Abschluss-Erklärung klar herausstellen.

Die Zahlen seien „dramatisch” und stellten vor allem die Intensivmedizin vor eine riesige Herausforderung, betonte Neugebauer. Dabei könnten die Sterblichkeitszahlen deutlich gesenkt werden, wenn ein Schock rechtzeitig und richtig behandelt werde. „Die Diagnose ist aber extrem schwierig, weil das Immunsystem völlig aus den Fugen gerät und breit betroffen ist”, erklärte der Kölner Experte. „Auf dem Totenschein steht deshalb auch nicht: "Tod durch Blutungsschock" oder "septischen Schock".”

Beim Schock handele es sich nicht um eine Krankheit im eigentlichen Sinne, sondern um ein Syndrom, eine umfassende Komplikation. „Wir wissen noch zu wenig über den Schock als eine Entgleisung des Körpers - die hohe Todesrate spricht da ihre eigene Sprache.” Der Experte hält umfassende Schulungen, eine bessere Diagnostik und Behandlung nach einheitlichen Standards für wesentlich. „Unser hehres Ziel ist es, die Mortalität nach Schock um 25 Prozent innerhalb der nächsten fünf Jahre zu senken.”

Mit 1,77 Milliarden Euro im Jahr gehen dem Wissenschaftler zufolge rund 30 Prozent des Budgets der Intensivmedizin in Deutschland allein in die Behandlung schwerer Sepsis-Fälle. Für eine effektive Ursachenerforschung, Diagnose und Behandlung sei es entscheidend, das vorhandene Einzelwissen zum Thema Schock nun zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen: „Unser Problem ist ganz klar die Synthese, also das Verstehen der Zusammenhänge und das Zusammensetzen der Puzzleteile.” Allerdings müssten dafür mehr Forschungsgelder in die Systemforschung gesteckt werden, verlangte Neugebauer.