1. Leben
  2. Gesundheit

Düsseldorf/Marburg: Erst unters Messer und dann an den Strand

Düsseldorf/Marburg : Erst unters Messer und dann an den Strand

Am Goldstrand in Bulgarien wird seit geraumer Zeit mächtig gebohrt - nicht etwa nach Öl, sondern nach Karies von deutschen Urlaubern.

Denn dort liegt direkt an der Schwarzmeer-Küste die Dentaprime-Zahnklinik, die besonders gern Patienten aus Westeuropa aufnimmt und ihnen eine „perfekte Versorgung” verspricht: „Zu günstigen Preisen in schöner Umgebung”, wie es auf der Internetseite der Klinik heißt. Nähere Auskünfte erhalten potenzielle Patienten über eine kostenlose Info-Hotline.

Ob Gebisssanierung, Fettabsaugen oder Augenlasern - immer mehr Menschen lassen sich medizinisch im Ausland behandeln und verbinden das Nützliche mit dem Angenehmen. Insbesondere ehemalige Ostblock-Staaten wie Bulgarien oder Ungarn, die mittlerweile zur EU gehören, liegen für die Medizin-Touristen im Trend. Erst wird das Gebiss für vergleichsweise günstiges Geld saniert. Im Restaurant an der Strandpromenade dürfen sich die neuen Zähne dann anschließend gleich einmal an den kulinarischen Spezialitäten der Region versuchen. Offenbar beißen die meisten nach dem Eingriff fernab der Heimat recht kraftvoll zu. „In Osteuropa arbeiten nicht selten sehr gute, qualifizierte Zahnärzte”, sagt Christian Zimmermann, Mediziner und Präsident des Allgemeinen Patienten-Verbands in Marburg.

Solche Ärzte gibt es zwar in Deutschland auch. Aber ihre Kollegen in Ost-Europa operieren zu einem besseren Preis. Das lohnt sich insbesondere, wenn der Eingriff aufwendiger ist. Laut Zimmermann kann eine Gebiss-Rundumsanierung in Deutschland leicht 10.000 Euro kosten. Die gesetzlichen Krankenkassen haben ihren Leistungskatalog in den vergangenen Jahren deutlich eingedampft. Warum den Eingriff dann nicht von einem Fachmann in Bulgarien erledigen lassen? Dort kostet er womöglich nur 3000 Euro und man kann den Ausflug gleich mit ein paar Urlaubstagen verbinden.

Die deutsche Ärzteschaft sieht das offenbar nicht prinzipiell anders. Zwar sei das medizinische Versorgungsangebot in Deutschland nach wie vor breit genug, um sich - gleich mit welchem Krankheitsbild - auch hierzulande optimal behandeln zu lassen. Aber wenn ein Arzt im Ausland gute Arbeit mache und empfohlen werde, „spricht grundsätzlich nichts dagegen”, dessen Praxis aufzusuchen, sagt Robert Schäfer, geschäftsführender Arzt der Ärztekammer Nordrhein in Düsseldorf.

Im Rheinland, in naher Nachbarschaft zu Belgien und den Niederlanden, ist es ohnehin nichts Ungewöhnliches, dass Patienten für eine Behandlung ins Ausland fahren. In der Region kooperieren Mediziner seit Jahrzehnten miteinander über Landesgrenzen hinweg, zum Beispiel in der Notfallmedizin. So fliegt der im Kreis Aachen stationierte ADAC-Rettungshubschrauber „Christoph Europa 1” deutsche Notärzte auch regelmäßig nach Benelux. „Oder aber Kliniken kooperieren miteinander, wie zum Beispiel die in Aachen und Maastricht auf dem Gebiet der Gefäßchirurgie”, erläutert Schäfer, der früher als Anästhesist tätig war.

Der Allgemeine Patienten-Verband rechnet damit, dass solche Kooperationen und der Medizintourismus insgesamt in den kommenden Jahren noch beliebter werden. Hintergrund sei die Entwicklung der Europäischen Union, die immer mehr zusammenwachse und grenzüberschreitende medizinische Versorgung zunehmend erleichtere, sagt Experte Zimmermann. Schon jetzt gibt es ihm zufolge in bestimmten Euro-Regionen Verträge, nach denen die Kosten für eine Behandlung im EU-Ausland daheim von der Krankenkasse erstattet werden müssen. Dennoch sollte man vor dem Eingriff mit seiner Krankenkasse Rücksprache halten und die Gründe angeben, warum man sich im Ausland behandeln lassen will. „Die Kostenübernahme lässt man sich dann am besten schriftlich garantieren”, rät Zimmermann.

Problematisch wird es, wenn nach dem Eingriff gesundheitliche Beschwerden auftauchen und Nachbehandlungen notwendig werden. Dann ist es eher ärgerlich, sich noch einmal in den Flieger setzen zu müssen, um sich in weiter Ferne vom verantwortlichen Arzt erneut behandeln zu lassen. Und was, wenn dem Mediziner auf dem Balkan oder am Balaton gar ein Kunstfehler passiert? „Dann muss man im Ausland klagen, was gerade in Nicht-EU-Ländern mit anderen Rechtssystemen nicht immer einfach ist”, sagt Zimmermann. Und selbst eine Klage im EU-Ausland mit ähnlicher Rechtsprechung kann zum Abenteuer werden, wenn sprachliche Barrieren die Kommunikation massiv erschweren.

Zumindest in der Dentaprime-Klinik kommt es aber offenbar nicht oder nur selten zu Missverständnissen. Patienten berichten, sich während des Aufenthalts „sehr wohlgefühlt" zu haben. Laut einem Unternehmenssprecher legte die Nachfrage nach Behandlungen im vergangenen Jahr so auch deutlich zu. Seitens der Unternehmensleitung gebe es bereits Überlegungen, weitere Kliniken in Osteuropa zu bauen.