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Mönchengladbach/Berlin: „Erschütternd”: Lebensmittel-Allergiker leben gefährlich

Mönchengladbach/Berlin : „Erschütternd”: Lebensmittel-Allergiker leben gefährlich

Lebensmittel-Allergiker in Deutschland leben gefährlich. Nicht nur, dass ihr Immunsystem nach dem Verzehr von Erdnüssen oder Milch verrückt spielt oder schon ein simpler Insektenstich den Schock-Tod bedeuten kann. Sie bekommen obendrein meist Medikamente, die in der akuten Not-Situation nahezu wirkungslos sind.

Zudem werden sie nach überstandenem Notfall nicht ausreichend weiterbehandelt und in aller Regel nicht über ihre Gefährdung aufgeklärt. Zu diesem alarmierenden Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Deutschen Allergie- und Asthmabundes (DAAB) in Mönchengladbach, der 175 Patienten mit Anaphylaxie, der schwersten allergischen Reaktion auf Lebensmittel oder Insektengift, befragt hat. Es ist die bisher umfangreichste Studie zu diesem Thema in Deutschland.

„Die Ergebnisse haben uns wirklich erschüttert”, schildert DAAB- Geschäftsführerin Andrea Wallrafen. Die „klaffenden Versorgungslücken” bedrohten gerade die Gruppe der Allergiker, deren Leiden - anders als bei den 15 Millionen Pollen-Allergikern - akut lebensgefährlich werden kann. Selbst Fachärzte seien „entsetzt”, wie viele Betroffene die heftigen Körper-Reaktionen bis hin zu Herz- und Atemstillstand gleich mehrfach als „echte Nahtod-Erlebnisse” hätten durchleiden müssen.

Dass es bis heute für Deutschland keine gesicherten Zahlen zur Häufigkeit der Lebensmittel-Allergien oder der Todesfälle durch Allergie-Schocks gibt, manövriere das Problem klar ins gesundheitspolitische Abseits, vermutet DAAB- Mitarbeiterin Sabine Schnadt als Autorin der Studie.

In den USA rechne man mit rund 1500 Todesfällen jährlich; in Deutschland werde von rund 20 bis 30 Toten allein durch Insektenstiche gesprochen. Die Datenbasis einer Schweizer Untersuchung lasse bis zu 250 Anaphylaxie-Tote in Deutschland befürchten, meint Schnadt.

Schätzungsweise bis zu drei Prozent der Bevölkerung sind von dieser Allergie betroffen, deren bedrohliche Auslöser oft versteckt im Speiseeis oder zahlreichen Lebensmitteln schlummern, sagt Prof. Bodo Niggemann, Allergologe und Kinderarzt an der Berliner Charit?. Nach seinen Erfahrungen werden selbst schwere Lebensmittel-Allergien „nicht richtig diagnostiziert und oft falsch therapiert”. Lebensbedrohliche Allergie-Schocks seien allerdings „ein eher seltenes Ereignis, Gott sei Dank”, schildert der Mediziner.

Deutlich weniger als die Hälfte der Patienten, die nach dem Verzehr von Nüssen, Milch, Ei oder Fisch als die häufigsten Allergie- Auslöser zusammenbrechen und vom Notarzt oder in einer Klinik behandelt werden, werden laut DAAB-Studie zur weiteren Therapie an einen Allergologen überwiesen.

Für viele beginne eine „Odyssee, bis sie einen geeigneten Facharzt finden”, berichtet Schnadt. Nur ein Drittel der Patienten erhielt im Allergie-Schock Adrenalin als „das erste Notfallmedikament der Wahl”. Meist wurden von den Medizinern weniger wirksames Cortison oder Antihistaminika zur Milderung der heftigen Körper-Reaktion genutzt. „Völlig ungeeignet” findet dies Allergologe Niggemann: „Adrenalin und Infusionen werden bei weitem zu zurückhaltend eingesetzt - vorsichtig formuliert.”

Lediglich 58 Prozent der Betroffenen gaben an, nach dem Allergie- Schock ein Notfallset mit den geeigneten Medikamenten bekommen zu haben. Selbst bei Patienten, die mit Atemnot und Ohnmacht hatten behandelt werden müssen, „ist die Versorgung als unzureichend einzustufen”, heißt es in der DAAB-Studie: 40 Prozent von ihnen erhielten keinerlei Notfallmedikamente. Der in angloamerikanischen Ländern weit verbereitete Autoinjektor zum Selbstspritzen von Adrenalin war nur in drei von vier Notfallsets vorhanden. „Das ist eindeutig zu wenig”, kritisiert Niggemann.

Erste Hilfe gegen die Versorgungs- und Informationslücken erhofft der DAAB unter anderem von einer gerade anlaufenden EU-weiten Kampagne, mit der die Mönchengladbacher Patienten-Selbsthilfe im Bündnis mit weiteren Organisationen Ärzte über die bedrohliche Situation dieser Allergiker aufklären will.

Aber auch das Wissen der Betroffenen selbst, von Angehörigen, Arbeitskollegen, Freunden oder Lehrern lasse laut DAAB viel zu wünschen übrig, wenn „falsches” Essen oder ein Insektenstich das Immunsystem auf Abwege bringt.

Der DAAB berät Allergiker täglich unter der Telefonnummer 02161/10207.