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Euskirchen/Tübingen: Entzündung nach Schnittwunde: Phlegmone sind sehr gefährlich

Euskirchen/Tübingen : Entzündung nach Schnittwunde: Phlegmone sind sehr gefährlich

Was als harmlose kleine Schnitt- oder Stichwunde anfängt, kann gelegentlich böse Folgen haben. Denn schon winzige oberflächliche Hautverletzungen sind Einfallstore für Bakterien, die schwere Entzündungen auslösen können: sogenannte Phlegmonen.

„Erste Anzeichen sind Schwellungen und Rötungen”, sagt Gertraud Kremer vom Berufsverband der Deutschen Dermatologen in Euskirchen. Weitere Begleiterscheinungen seien Fieber und Schüttelfrost. Sind die Erreger - meist Streptokokken oder Staphylokokken - erst eingedrungen, breitet sich die Entzündung häufig großflächig im Bindegewebe aus.

Sie kann laut Kremer Sehnen und Muskeln in Mitleidenschaft ziehen. Vor allem an Händen oder Füßen sei die oft eitrige Infektion anzutreffen. Verursache schon die leichteste Bewegung des gesamten Fingers bei einer entzündeten Fingerkuppe Schmerzen, sei es allerhöchste Zeit, die Verletzung chirurgisch behandeln zu lassen, betont Kremer.

Phlegmone können Blutvergiftungen auslösen

Zunächst stelle der Mediziner den betroffenen Körperteil, zum Beispiel die Hand, ruhig und verordne Antibiotika. Werde die Phlegmone nicht rechtzeitig erkannt, könne sie lebensgefährliche Probleme auslösen - bis hin zur Blutvergiftung. „Ist der Abszess aber schon handtellergroß oder kann der Patient nachts vor Schmerzen nicht schlafen, ist der Gang zum Chirurgen unvermeidbar”, sagt Kremer.

„Der Infekt kann sich sonst fortfressen”, warnt auch Prof. Hans-Eberhard Schaller von der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in Tübingen. Das Gewebe auch an entfernteren Stellen werde „so hochgradig septisch zerstört”, dass womöglich infolge einer entzündeten Fingerkuppe der ganze Unterarm amputiert werden muss. Schaller ist daher skeptisch, was den Einsatz von Antibiotika angeht. „Ich sehe viel zu häufig, dass Patienten mit Antibiotika falsch behandelt werden”, sagt der Tübinger Chirurg. „Erstens wird dadurch das Krankheitsbild verschleiert, zweitens wird es verschlimmert.”

Denn nur auf den ersten Blick gesunden die oberen Hautschichten - die Entzündung klingt scheinbar ab. In den tieferen Schichten werde es dagegen schlimmer. „Dort ist die Durchblutung nicht so stark, das Antibiotikum gelangt in zu geringer Konzentration dorthin und wirkt nicht mehr”, erklärt Schaller. Sein Rat lautet daher: Bei einer tieferen Schnittverletzung sofort einen geeigneten Arzt aufsuchen, am besten einen Unfallchirurgen. Der könne dann eine Blutsperre anlegen und die Wunde mit vergrößernden Geräten richtig untersuchen.

Sollte sich dann herausstellen, dass die Wunde chirurgisch aufgeschnitten werden muss, ist es Schaller zufolge entscheidend, dass alle gequetschten Ränder und die nicht mehr durchbluteten Gewebeteile entfernt werden. „Erst dann kann zugenäht werden”, sagt er. In seinem Klinikalltag hat Schaller es nach eigenem Bekunden „täglich” mit Phlegmonen zu tun. Vor allem, weil die zugrundeliegende Verletzung „häufig genug falsch anbehandelt” und erste Anzeichen nicht ernst genug genommen worden sind, beklagt er.

Keine Impfung gegen Phlegmone

Eine Impfung gegen die Phlegmone gibt es nicht. Wie Schaller ruft daher auch Dermatologin Kremer dazu auf, schon kleine Wunden, etwa an der Nagelhaut oder durch Fußpilz entstandene Risse, nicht zu vernachlässigen. „Treffen kann es jeden”, sagt die Hautärztin. Besonders gefährdet seien aber vor allem diejenigen, die bereits kleine Hautprobleme haben oder deren Immunsystem geschwächt ist: Das gelte zum Beispiel für Diabetiker, Krebskranke, HIV-Infizierte oder Menschen mit Herz-Kreislauf- oder Lungen-Erkrankungen.

Eine Phlegmone ist zwar keine Berufskrankheit. Tritt sie aber infolge einer als Arbeitsunfall anerkannten Verletzung im Job auf, sei der Arbeitnehmer in diesem Rahmen abgesichert, sagt Stefan Boltz von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) in Berlin.

Dennoch rät die DGUV zusammen mit den Berufsgenossenschaften (BG) insbesondere beim Thema Haut zur Vorbeugung. Besonders gefährdet von oberflächlichen Schnitt- oder Stichverletzungen sei zum Beispiel medizinisches Personal durch den Umgang mit Spritzen oder Kanülen. Daher empfehlen die BG Geräte mit Sicherheitstechnik, bei denen die Kanülen nach Gebrauch abgedeckt beziehungsweise blockiert werden. Auch Fleischerei-Angestellte könnten sich selbst bei stillstehendem Schneideblatt während der Reinigung einer Maschine verletzen. Hier helfe schon ein Daumenschutz.

Bei hautgefährdenden Tätigkeiten Schutzhandschuhe tragen

Neben solchen vom Arbeitgeber zu stellenden Mitteln kann aber laut DGUV und BG auch jeder selbst etwas tun, um Hautverletzungen - und damit letztlich der Gefahr einer Phlegmone - zuvorzukommen: Bei hautgefährdenden Tätigkeiten sei es besonders wichtig, geeignete Schutzhandschuhe zu tragen. Sie wehrten in hohem Maß Schadstoffe ab und schützen vor mechanischen Belastungen. Auch die Hautpflege nach der Arbeit und zu Hause sei ein weiterer, wesentlicher Faktor. Hautpflegemittel würden helfen, die Schutzfunktion der Hornschicht zu erhalten oder sie sogar wieder herzustellen.

Von rund 770.000 meldepflichtigen Arbeitsunfällen im Jahr 2005 sind rund 185.000 und damit jeder vierte auf oberflächliche Verletzung zurückzuführen. Dazu gehören beispielsweise Biss-, Platz-, Riss-, Schnitt-, Stich- und Quetschverletzungen. „Schnitt- und Stichverletzungen spielen zwar im Unfallgeschehen eine große Rolle, verlaufen aber meist glimpflich”, sagt Stefan Boltz von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) in Berlin. Die DGUV verfügt allerdings nicht über Daten zu Phlegmonen als Folgeerscheinung von Arbeitsunfällen.