1. Leben
  2. Gesundheit

Münster/Hamburg: Die Trauer nach einem Schwangerschaftsabbruch verarbeiten

Münster/Hamburg : Die Trauer nach einem Schwangerschaftsabbruch verarbeiten

Die Entscheidung für oder gegen ein entstehendes Baby ist oft die schwerste im Leben einer Frau. Fehlende Ausbildung, finanzielle Probleme, strenges Elternhaus - wenn die Lebensumstände dagegen sprechen, wählt so manche Schwangere den Weg des Schwangerschaftsabbruchs. Doch die Zweifel und das emotionale Chaos hören nach dem Eingriff nicht immer auf.

„Auch wenn im ersten Augenblick oft die Erleichterung überwiegt - nach einem Abbruch durchlaufen viele Frauen einen Trauerprozess. Dabei wird die Situation häufig dadurch verkompliziert, dass die Frau sich selbst für die Beendigung der Schwangerschaft entschieden hat”, sagt Privatdozentin Anette Kersting, Expertin für Trauertherapie am Universitätsklinikum Münster.

„Viele Frauen verarbeiten den Eingriff schnell und fühlen sich im Nachhinein nicht beeinträchtigt. Manche haben jedoch Schwierigkeiten, die Trauer nach einem Schwangerschaftsabbruch zuzulassen, nach dem Motto Ich hab es so gewollt, jetzt darf ich mich nicht beschweren”, berichtet auch Cornelia Kardel von der Familienberatungsorganisation Pro Familia. „Es ist wichtig, dass Betroffene ihre Gefühle nicht vergraben, sondern das Geschehene aktiv verarbeiten und lernen, damit umzugehen”, sagt die Diplom-Psychologin.

Besonders quälend seien die Schuldgefühle und Selbstvorwürfe, die sich die Frauen selbst auferlegten. „Viele sind da extrem streng mit sich selbst. Ich rate den Betroffenen, sich in Augenblicken des Selbstangriffs noch einmal ihre damalige Situation vor Augen zu führen und sich zu verdeutlichen, weshalb ihnen der Entschluss in diesem Moment richtig erschien”, sagt Kardel.

Denn die Entscheidung für oder gegen die Schwangerschaft sei oft von Zwiespältigkeit geprägt, und jede Frau habe auf ihre Art ihr Bestes getan, richtig abzuwägen. „Viele Frauen müssen erst lernen, mit sich selbst verständnisvoll und gnädig umzugehen und mit der Vergangenheit ihren Frieden zu schließen. So unbarmherzig, wie sie sich selbst abkanzeln, würden sie niemals mit einer guten Freundin in der selben Lage umgehen.”

Vielen helfe es, sich mit einer Vertrauensperson über ihre Gefühle unterhalten zu können. Dabei sei es oft besser, jemanden zu Rate zu ziehen, der die Situation von außen betrachten kann. „Beratungsstellen, die Schwangere in Konfliktsituationen unterstützen, stehen Frauen auch nach einem Abbruch offen. Die Mitarbeiter vor Ort kennen die Situation der Frauen sehr gut und können wertvolle Ratschläge geben”, sagt Kardel.

Auch Rituale können helfen, den Abschied von dem ungeborenen Kind zu begleiten. „Eine Kerze in einer Ecke der Wohnung, ein Abschiedsbrief an das Baby oder ein gepflanzter Baum, der als Erinnerungsstätte dient - die Arten, das bedrückende Erlebnis loszulassen, sind sehr individuell”, erklärt Anette Kersting.

Andere zögen es vor, sich in der ersten Zeit nach der Abtreibung erst einmal abzulenken. „Der Wunsch, das Erlebnis zu verarbeiten, kann dann auch erst Jahre nach dem Abbruch auftauchen”, sagt Kersting. Es sei wichtig, den eigenen Rhythmus zu akzeptieren.

Häufig belastet ein Schwangerschaftsabbruch auch die Partnerschaft. „Manchmal war es der Partner, der die Frau gegen ihren Impuls zu der Entscheidung gedrängt hat. Das führt zu erheblichen Konflikten, die oft nur schwer zu lösen sind”, berichtet Anette Kersting. Die Psychiaterin hält daher einen gut durchdachten Entscheidungsprozess vor einer Abtreibung für sehr wichtig. Sie rät Schwangeren in dieser Lage, sich bewusst auf ihr eigenes Gefühl zu konzentrieren - ungeachtet der Einflüsse von Familie und Freunden.

Aber auch wenn beide Partner mit dem Schwangerschaftsabbruch einverstanden waren, können Konflikte auftreten. „Manche Paare klagen über sexuelle Probleme, da der Geschlechtsverkehr stark mit den Gefühlen zur Abtreibung verbunden ist”, sagt Kersting. Auch Schwierigkeiten in der Kommunikation zwischen den beiden Partnern seien häufig. „Während Frauen sich meist sehr emotionsstark mit dem Thema auseinandersetzen, finden Männer oft andere Strategien, mit dem Verlust umzugehen. Es ist wichtig, dass sich die Partner über ihre Gefühlslagen austauschen, um Missverständnisse zu vermeiden”, bekräftigt die Expertin. In manchen Fällen sei auch eine Paartherapie sinnvoll.

Um das Erlebte gut zu verarbeiten, brauchen manche Frauen viel Zeit. „Diese Zeit sollten sie sich unbedingt nehmen. In manchen Fällen kann auch eine kurzfristige Krankschreibung nützlich sein”, sagt Cornelia Kardel. Für einen Schwangerschaftsabbruch werde man ohnehin für drei Tage vom Arzt freigestellt. Ernsthafte psychische Erkrankungen resultieren Kardel zufolge jedoch nur selten aus einem durchlebten Schwangerschaftsabbruch.

„Wenn Depressionen oder Angsterkrankungen auftauchen, lag meistens schon vorher eine psychische Erkrankung bei der Frau vor. Der Abbruch ist dann nur der Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringt.” Fühle man sich nach dem Eingriff über lange Zeit stark in der Bewältigung des alltäglichen Lebens beeinträchtigt, sollte man professionelle Hilfe annehmen.