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Berlin/Köln: Die „Chemo” zwischendurch: Ambulante Krebstherapie ist oft möglich

Berlin/Köln : Die „Chemo” zwischendurch: Ambulante Krebstherapie ist oft möglich

Diagnose Krebs - gerade in dieser Ausnahmesituation wollen viele Betroffene die vertraute Umgebung und ihre Angehörigen nicht missen. Doch eine Krebstherapie muss nicht notwendigerweise mit einem langen Aufenthalt im Krankenhaus einhergehen.

Zielgenauere Therapieverfahren mit weniger Nebenwirkungen machen es möglich, dass viele Patienten die Zeit zwischen den Anwendungen einer Chemo- oder Strahlentherapie zu Hause verbringen können.

Ob sich bei einem Krebspatienten eine ambulante Strahlen- oder Chemotherapie anbietet, muss immer individuell entschieden werden: Ein typisches Medikament oder eine typische Krebsart, die besonders gut für die ambulante Therapie geeignet ist, gebe es nicht, sagt der Mediziner Johannes Bruns aus Berlin, Generalsekretär der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG).

Generell können laut Bruns alle Arten der Chemotherapie, solange sie nicht mit massiven Nebenwirkungen verbunden sind, ambulant vorgenommen werden. Ausnahmen bilden nach Ansicht des Krebsexperten lediglich Verfahren wie die Isotopenbestrahlung, die beispielsweise bei Schilddrüsenkrebs eingesetzt wird. Abgesehen von solchen Sonderfällen ist seine Haltung eindeutig: „Ich kann Patienten immer nur raten: Nutzen Sie die Chance, rauszugehen.”

Nachteile in der Behandlungsqualität müssen Krebspatienten bei einer ambulanten Versorgung nicht in Kauf nehmen: „Rund 90 Prozent aller Leistungen der Krebstherapie können auch ambulant durchgeführt werden”, sagt Barbara Nägel, Geschäftsführerin des Berufsverbandes der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen (BNHO) in Köln. Auf Krebspatienten eingestellte Schwerpunktpraxen bieten laut Kassenärztlicher Vereinigung Berlin beispielsweise neben der konventionellen Tumorbehandlung auch Immuntherapien, Bluttransfusionen sowie Hormon- und Schmerztherapien an. Mitunter werden die Ärzte von Psychologen, Ernährungsberatern oder Sozialarbeitern unterstützt.

Der markante Unterschied zu einem normalen Arztbesuch ist die Zeit, welche ambulant versorgte Krebspatienten in einer Praxis verbringen. Bis zu sechs Stunden kann der Aufenthalt dauern. Bei einer Chemotherapie nehmen die Patienten nach der morgendlichen Untersuchung der Blutwerte beispielsweise auf einer Liege Platz. Dann wird die Infusion mit dem Medikament angelegt. Ist sie durchgelaufen, können die Patienten in der Regel nach Hause gehen. Werden allerdings allergische Reaktionen oder Kreislaufprobleme befürchtet, müssen sie bisweilen noch zur Nachbeobachtung bleiben.

Eine ambulante Therapie bietet sich nicht für jeden Patienten an: „Wenn es recht alte Menschen sind, die selber schlecht zurechtkommen und alleine sind, ist es für die Patienten oft angenehmer, wenn sie im Krankenhaus liegen”, sagt Barbara Nägel. Unverzichtbar ist ein Krankenhausaufenthalt nach Ansicht von Johannes Bruns unmittelbar vor und nach einer Operation, weil dann eine Überwachung rund um die Uhr notwendig ist.

Ob sich die Betroffenen für oder gegen eine stationäre Therapie entscheiden, hängt vor allem von den eigenen Erfahrungen mit der Krankheit und der verordneten Therapie ab: Denn anfangs ist das Krankenhaus für viele Krebspatienten ein Ort der Geborgenheit, der ihnen Rückhalt gibt, sich auf die neue Lebenssituation einzustellen.

Doch nach einer Lernphase, in der sich die Betroffenen erstmals mit Tumorerkrankungen auseinandersetzen und Sicherheit im Umgang mit ihrer Krankheit gewinnen, neigen Krebspatienten laut Johannes Bruns eher zur Krankenhausflucht: „Viele sind bereit, Unannehmlichkeiten, auch leichte Nebenwirkungen, in Kauf zu nehmen, weil sie mit ihrer Familie zu Hause leben wollen”, sagt Bruns.

Lernen muss aber auch der behandelnde Arzt: „Kommt ein Patient öfter zur Chemotherapie, können sie ihn besser berechnen”, sagt Johannes Bruns. Ist ein Patient neu, werde der Arzt bei den ersten Zyklen einer Chemotherapie in der Regel das Krankenhaus empfehlen.

Das Ziel sollte es nach Ansicht von Bruns sein, Patienten nach dem Krankenhausaufenthalt in einem Netzwerk aufzufangen, in dem Krankenhausärzte und Niedergelassene reibungslos zum Wohle des Patienten zusammenarbeiten. So weit ist es allerdings noch nicht: denn Krebspatienten sind - wenn auch unfreiwillig - für die konkurrierenden Gesundheitsunternehmen Krankenhaus und Arztpraxis jeweils gute Kunden.

Todkranke können auch zu Hause betreut werden

Kann der Krebs nicht besiegt werden, kommt mit fortschreitender Erkrankung der Moment, an dem Betroffene und Angehörige nicht mehr ohne tägliche professionelle Hilfe zurechtkommen. Viele Patienten zieht es dann zurück ins Krankenhaus. Wer seinen letzten Lebensabschnitt dennoch lieber in den eigenen vier Wänden verbringen möchte, sollte dies nach Ansicht von Johannes Bruns auch tun: Denn mithilfe eines Pflegedienstes und geeigneten Schmerzmitteln ist die palliative Versorgung eines Todkranken auch gut zu Hause möglich.