1. Leben
  2. Gesundheit

Dortmund: Der Streichholz-Effekt: Wenn die Angst vor dem Erröten krank macht

Dortmund : Der Streichholz-Effekt: Wenn die Angst vor dem Erröten krank macht

Moritz weiß, dass er gleich dran ist. Er muss vor die Klasse treten und sein vorbereitetes Referat halten. „Jetzt bloß nicht wieder rot werden”, denkt er noch.

Doch es ist schon zu spät: Sein Gesicht wird in Sekundenschnelle heiß und pocht. Als er aufsteht und nach vorne geht, rufen seine Klassenkameraden „Tomatensuppe! Tomatensuppe!”. Moritz ist nun knallrot, er schwitzt und wünscht sich nichts sehnlicher, als ganz weit weg zu sein. Der Gymnasiast ist Erythrophobiker: Er hat Angst vor dem Erröten.

So wie Moritz geht es Millionen von Menschen aller Altersgruppen in Deutschland. Psychologen stufen den „Streichholz-Effekt”, die Angst vor dem roten Kopf, als eine Unterform der sozialen Phobie ein, an der bis zu zehn Prozent der Bevölkerung leiden. 70 Prozent aller Sozialphobiker wiederum beklagen sich über unkontrolliertes Erröten.

Dabei ist das Erröten an sich keine Krankheit, sondern eine normale körperliche Funktion, die beispielsweise dann eintritt, wenn eine Person Sport treibt, in die Sauna geht oder den Kopf nach unten baumeln lässt. Schon 1873 nannte Charles Darwin das Erröten „die eigentümlichste und menschlichste aller Ausdrucksformen”. Medizinisch betrachtet kommt Erröten dadurch zustande, dass das Gehirn Hormone ausschüttet, der Blutdruck steigt und sich die Gefäße erweitern. Doch viele Menschen werden auch dann rot, wenn sie eine Situation als gefährlich, peinlich oder unangenehm empfinden. Und da sie ihre Anspannung verbergen wollen, ist ihnen das Erröten unangenehm. „Das Rotwerden beschränkte sich lange auf Rampenlicht-Situationen wie Referate halten, die ich so gut wie möglich umschiffte”, erzählt Moritz. Mit fortschreitender Pubertät stieg ihm jedoch auch in harmlosen Situationen die Röte ins Gesicht. Und fortan wurde die Angst vor der „roten Birne” zu einem ernsthaften Problem.

Von wahren Minderwertigkeitskomplexen berichtet auch die 25-jährige Silke in einem anonymen Internetforum. Ihre Angst vor dem Rotwerden habe sich derart hochgeschaukelt, dass sie sich total von ihrer Umwelt abgekapselt habe: „Es ging so weit, dass ich starke Beruhigungstabletten oder Alkohol zu mir genommen habe, bevor ich irgendwo hinging.” Nicht selten hegen ausgeprägte Erythrophobiker Selbstmordgedanken. Betroffene sollten sich in solchen Fällen Hilfe suchen. „Eine Verhaltenstherapie ist hier das Beste”, rät die Dortmunder Diplom-Psychologin Connie Schiwek-Wien. Hier werden Betroffene mit Situationen konfrontiert, denen sie üblicherweise aus dem Weg gehen. In Rollenspielen werden etwa Auftritte vor Publikum geübt und auf Video aufgezeichnet.

Beim gemeinsamen Ansehen der Aufzeichnungen versucht der Therapeut dem Erythrophobiker zu zeigen, dass die eigene Wahrnehmung einer Situation oft ganz anders ist als die Wahrnehmung von außen. „Betroffene glauben, dass andere ihr Rotwerden peinlich finden. Doch vielen fällt das tatsächlich gar nicht auf, oder sie finden es einfach süß”, sagt Schiwek-Wien. Durch Übungen kann das Selbstbewusstsein der Erythrophobiker gestärkt werden. Denn selbstbewusste Menschen erröten seltener.

Manche Erythrophobiker sind so verzweifelt, dass sie selbst vor einem chirurgischen Eingriff nicht zurückschrecken. Dabei versuchen Ärzte, die Aktivität des Sympathikus-Nervs einzudämmen. Dieser Teil des Nervensystems sorgt in Stresssituationen dafür, dass sich die Blutgefäße in der Gesichtshaut weiten und verstärkt mit Blut füllen. Das Durchtrennen oder Abklemmen des Sympathikus kann jedoch zu erheblichen Nebenwirkungen und Komplikationen wie Infektionen, Blutungen und Thrombosen führen. Bei besonders schweren Fällen raten Experten daher eher zu einer Behandlung mit Medikamenten.

Die 53-jährige Karin etwa leidet seit ihrer Kindheit unter dem Erröten. Seit einem halben Jahr nehme sie nun ein Antidepressivum mit dem Wirkstoff Paroxetin, das ihr sehr gut helfe, berichtet sie anonym in einem Internetforum. Das schnelle Erröten sei seither nicht mehr aufgetreten. Das langsame komme zwar gelegentlich noch vor. „Doch spüre ich es nicht mehr als flächiges Brennen, sondern nur noch wie ein leichtes Prickeln. Ich bleibe voll konzentriert und kann Blickkontakt halten.” Auch die Psychologin Schiwek-Wien hält eine medikamentöse Behandlung unter Umständen für angebracht. „Antidepressiva wirken angstreduzierend. Die Leute trauen sich dann wieder mehr. Denn wenn du dich nicht traust, kannst du auch keine positiven Erfahrungen machen.”