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Mainz: Dem Schmerz auf der Spur: Mainzer Forscher erfindet Messgerät

Mainz : Dem Schmerz auf der Spur: Mainzer Forscher erfindet Messgerät

Der Schmerz ist für die meisten Menschen eine Pein, für Walter Magerl hingegen ist er eine „sehr interessante Sinneserfahrung”. Der 51-Jährige ist Schmerzforscher und diesem Sinnesreiz so dicht auf der Spur wie vermutlich nur wenige andere Menschen.

Er hat eine Apparatur zur Messung von Schmerzen erfunden - bestehend aus sieben Metallhülsen. Sie sollen dabei helfen, das Leiden in Zahlen auszudrücken, es nachvollziehbar zu machen und es zu lindern. Stolz betrachtet Magerl die Röhrchen, die wie ein Sortiment edler Füller in einem Sperrholzkästchen liegen. „Dazu gibt es auf dem Weltmarkt keine Alternative”, sagt der Forscher, der am Institut für Physiologie und Pathophysiologie der Universität Mainz arbeitet.

Die Funktionsweise der aus Edelstahl bestehenden Röhrchen ist einfach: Am Ende der dünnwandigen Hülse sitzt ein Kunststoffkolben, in dem ein kleines Stahlröhrchen mit Drahtspitze steckt. Für jedes Röhrchen ist ein bestimmtes Gewicht definiert, das auf der Haut lastet, wenn die Drahtspitze aufgesetzt wird. „Das verursacht die gleiche Empfindung wie eine Nadel - ohne dass wir ein Loch machen”, sagt Magerl. Die Belastung reicht von 0,8 Gramm, was gesunde Menschen nur als leichte Berührung empfinden, bis zu 50 Gramm, was sich wie ein schmerzhaftes Pieken anfühlt.

Eingesetzt werden die Röhrchen bei der Untersuchung von Menschen, die eine traumatische oder erkrankungsbedingte Nervenschädigung erlitten haben. Als Beispiel nennt Magerl Diabetes, Durchblutungsstörungen am Nerv oder eine Gürtelrose. Die Schmerzempfindlichkeit dieser Betroffenen könne derart steigen, dass sie bereits ein Gewicht von 1,6 Gramm auf der Haut als 80 Prozent des möglichen Schmerzes empfänden, schildert er. Diese Empfindlichkeit führe dazu, dass die Betroffenen sich oft so wenig wie möglich bewegten, um ein schmerzhaftes Reiben der Kleidung an der Haut zu vermeiden. Dies schaffe dann neue Gesundheitsprobleme, sagt Magerl.

Die Forscher vergleichen die Schmerz-Werte der Kranken mit Werten einer Datenbank des Deutschen Forschungsnetzes Neuropathischer Schmerz (DFNS), in der sich Angaben zur Schmerzempfindlichkeit von etwa 250 gesunden Männern und Frauen befinden. Davon erhoffen sich die Wissenschaftler nach Magerls Angaben genaue Erkenntnisse zur Art der jeweiligen Schmerzerkrankung und dazu, wie diese am besten behandelt werden kann. Nach seinen Angaben sind die Röhrchen inzwischen Standardinstrument im DFNS, in dem zwölf Einrichtungen kooperieren. Auch mehrere Pharmafirmen hätten es übernommen, um die Wirksamkeit von Schmerzmitteln zu testen. Magerl sucht nun einen industriellen Partner zur Produktion des 5000 Euro teuren Sets.

Vor etwa zehn Jahren begann Magerl mit der Entwicklung der Apparatur. Damals sei es im Rahmen von Experimenten darum gegangen, ein Instrument zu entwickeln, mit dem man einen stechenden Schmerz messen könne, sagt Magerl. Er verweist auf verschiedene Arten von Schmerz, die von den entsprechenden Haut-Rezeptoren für schädigende Einwirkungen, den „Nozizeptoren”, gemeldet werden: „Kälteschmerz, Hitzeschmerz, Druckschmerz, stechender Schmerz, um die wichtigen Beispiele zu nennen”, sagt er. „Und diese Empfindung des stechenden Schmerzes, das ist diejenige, für die wir eigentlich über kein verlässliches quantifizierendes Instrument verfügt haben.”

Als Gegner sieht Magerl den Schmerz nach all seinen Forscherjahren nicht. Der Schmerz sei das wichtigste Warnsystem des Körpers, sagt Magerl. „Es ist vital bedrohlich, wenn Ihr Schmerzsystem nicht intakt ist.”