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Heidelberg/Köln: Das heimliche Hungern: Magersucht wird oft erst spät erkannt

Heidelberg/Köln : Das heimliche Hungern: Magersucht wird oft erst spät erkannt

Sie ziehen sich zurück, lehnen Einladungen zum Essen ab und treiben stattdessen ständig Sport. Sie nehmen stark ab, leugnen das aber gegenüber sich selbst und anderen. Bis zu 820.000 Menschen leiden in Deutschland an Magersucht (Anorexia nervosa).

Besonders betroffen sind 14- bis 18-jährige Mädchen, erläutert Hans-Christoph Friederich, Oberarzt am Zentrum für Psychosoziale Medizin in Heidelberg. Auf zehn weibliche kommt ein männlicher Patient. Mehr als jeder zehnte Patient stirbt an den Folgen der Magersucht. Das körperliche und seelische Leid lässt sich vermeiden, wenn die Krankheit frühzeitig erkannt und behandelt wird. Dabei können auch Angehörige und Freunde helfen.

Über die Ursachen von Magersucht streiten die Experten. „Bislang gibt es keine harten Daten”, erklärt Friederich. „Die Glorifizierung des Extrem-Dünnen ist sicherlich ein Einflussfaktor.” Allerdings sei bekannt, dass dieser sich bei anderen Essstörungen wie Bulimie oder der sogenannten Binge-Eating-Disorder („Fressattacken”) stärker auswirkt als bei Magersucht.

Um in einer Magersucht hängen zu bleiben, brauche es auch eine gewisse Vorprägung zum Beispiel durch genetische oder soziokulturelle Faktoren. „Die extrem hohe Zahl der Patienten im Pubertätsalter legt nahe, dass Probleme mit der körperlichen Reife, mit dem Erwachsenwerden und auch neurologische Entwicklungsstörungen eine Rolle spielen könnten”, ergänzt der Fachmediziner.

Die meisten Jugendlichen sind in der Pubertät von Selbstzweifeln und Identitätskrisen betroffen. „Hier können Eltern und Freunde schon vorbeugend wirken: Sie können gezielt die Stärken des Jugendlichen hervorheben und loben”, schlägt Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Köln, vor.

Sie könnten auch vermitteln, dass der Wert eines Menschen nicht durch sein Äußeres bestimmt wird. Solche Bemühungen sind dann am glaubhaftesten, wenn die Mutter oder die Freundin nicht selbst einem Schönheitsideal nacheifert. Unter Umständen muss also auch das eigene Vorbildverhalten kritisch überprüft werden.

Wenn junge Menschen in der Pubertät viel Aufmerksamkeit erfahren, fallen auch erste Symptome einer Magersucht leichter auf. „Dazu gehören vor allem Veränderungen im Essverhalten”, erläutert Oberarzt Friederich.

„Warnzeichen sind, wenn sich plötzlich alles ums Essen dreht, wenn jemand ständig das eigene Gewicht kontrolliert, sich ausgiebig mit Kochrezepten beschäftigt, die ganze Familie bekocht oder gar Lebensmittel hortet, jedoch 1000 Ausreden parat hat, warum er selbst nichts essen kann.” Außerdem betreiben Betroffene häufig exzessiv Sport. Hinzu kommt ein auffälliger sozialer Rückzug.

Ein späteres Symptom ist rasanter Gewichtsverlust. Mediziner definieren die Krankheit Magersucht über den sogenannten Body-Mass-Index (BMI). Er wird berechnet, indem das Gewicht in Kilogramm durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat geteilt wird.

So hat zum Beispiel eine 1,70 Meter große Frau bei 60 Kilogramm Körpergewicht zum Beispiel einen BMI von 21. „Wenn der BMI unter dem Wert 17,5 liegt, braucht der Betroffene dringend Hilfe”, sagt Friederich.

Viele Betroffene betrachten sich selbst lange nicht als krank. „Zum Krankheitsbild gehört eine ganz ausgeprägte Verleugnungsstrategie”, sagt BZgA-Direktorin Pott. Nach den Erfahrungen des Fachmediziners Friederich lösen meist erst körperliche Beschwerden wie Müdigkeit, Erschöpfungszustände, Kreislaufbeschwerden, Schlafstörungen und innere Unruhe eine veränderte, realistischere Selbstwahrnehmung aus. Damit steigt möglicherweise auch die Bereitschaft, eine Therapie anzunehmen.

„Je früher Magersucht behandelt wird, umso leichter ist es, sie in den Griff zu bekommen, weil die psychischen Strukturen noch nicht so verfestigt sind”, sagt Kathrin Harrach, Sozialpädagogin und Beraterin beim Selbsthilfeverein Magersucht in Wiesbaden. Die Behandlung erfolgt in einer ambulanten oder stationären Psychotherapie.

Auf dem Weg dorthin brauchen die Patienten verständnisvolle Begleitung. „Mit Sätzen wie "Jetzt iss doch endlich - das kann doch nicht so schwer sein", erreicht man gar nichts. Druck erzeugt nur Gegendruck”, warnt die Beraterin. Verständnis setzt auch voraus, dass sich Angehörige und Freunde selbst gut über Magersucht informieren.