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Greifswald: Auf Herz und Nieren: Studie untersucht Komplexität des Krankseins

Greifswald : Auf Herz und Nieren: Studie untersucht Komplexität des Krankseins

Was macht den Menschen eigentlich krank? Wie beeinflussen soziale Faktoren, Stress oder Risikofaktoren wie Alkohol und Zigaretten die Gesundheit? Diese Fragen stellen sich Mediziner im Universitätsklinikum Greifswald derzeit bei einer der aufwendigsten Gesundheitsstudien in Deutschland.

SHIP lautet die maritim klingende Abkürzung, hinter der sich der Begriff „Study of Health in Pomerania” (etwa: Gesundheitsstudie in Vorpommern) verbirgt.

Seit Ende Juni - in der 3. Studienphase - wartet auf insgesamt 7700 Probanden zwischen 20 und 90 Jahren im Nordosten Deutschlands ein umfassendes Untersuchungsprogramm. An diesem Freitag will sich der auch für den Aufbau Ost zuständige Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) über dieses Modellprojekt der „Community Medicine” (bevölkerungsbezogenen Medizin) an der Greifswalder Klinik informieren.

Die von Bund, Land und Industriepartnern geförderte und im Jahr 1996 begonnene Gesundheitsstudie ist nach Angaben des Klinikums die weltweit umfassendste Bevölkerungsstudie. Nicht nur, dass jeder Erwachsene aus Vorpommern eine vierprozentige Chance auf diesen kostenlosen Check-up habe, es werde auch in keiner Studie so breit auf die gesundheitsbeeinflussenden Faktoren geschaut wie hier:

Neben der Untersuchung im Kernspintomographen (MRT) werden die Freiwilligen zu ihren Lebensgewohnheiten befragt, gewogen, vermessen, per Ultraschall, vom Zahnarzt, vom Hautarzt und vom Internisten untersucht. Für eine Untersuchung genetischer Krankheitsfaktoren wird den Freiwilligen Blut abgezapft.

Insgesamt speichern die Wissenschaftler aus dem Institut für Community Medicine drei Millionen verschiedenste Daten, wie der Leiter der Studie, Henry Völzke, berichtet. Mit den Daten wollen sie Zusammenhänge zwischen Lebensgewohnheiten, Risikofaktoren und Erkrankungen erkennen sowie Korrelationen zwischen verschiedenen Krankheiten entschlüsseln, beispielsweise zwischen Zahnfleischschwund und Herzkreislaufleiden. In den nächsten fünf Jahren stehen für die Studie 15 Millionen Euro zur Verfügung.

Wie die ersten beiden SHIP-Phasen und der Datenvergleich mit anderen Studien wie KORA (Augsburg), Carla (Halle) oder der Heinz- Nixdorf-Recall-Studie (Essen) ergaben, sind die Vorpommern offensichtlich kränker als andere Bevölkerungsgruppen in Deutschland. Drei von vier Menschen in der ländlichen und von hoher Arbeitslosigkeit betroffenen Region im Nordosten Deutschlands haben demnach Übergewicht. Die Vorpommern haben nach den amerikanischen Indianern weltweit die meisten Gallensteinleiden. Das Blutdruckrisiko ist um 50 Prozent höher als in Bayern, und die Lebenserwartung eines männlichen Neugeborenen liegt im Nordosten mehr als zwei Jahre unter der eines bayerischen Babys.

Da die grundlegenden Zusammenhänge zwischen Erkrankungen und der Einfluss von Risikofaktoren in der Regel andernorts ähnlich seien, erwarten die Greifswalder Sozialmediziner einen Erkenntnisgewinn weit über die Küstenregion hinaus. „Die Krankheitsentstehung ist ein sehr komplexer Vorgang und gleicht einem Konzert. Bei dem Bayern dominiert die Geige, bei den Vorpommern die Pauke, trotzdem ist die Partitur dieselbe”, erklärt Internist Völzke.

Ziel der Studie ist es zudem, wie durch ein Brennglas einen Blick auf die Gesundheitsprobleme der Zukunft zu werfen. Kaum eine andere Region in Deutschland ist stärker vom demografischen Wandel betroffen als Vorpommern, erklärt der Leiter des Instituts für Community Medicine, Wolfgang Hoffmann.

Unmittelbar nach der Wende verordnete der Wissenschaftsrat der von der Schließung bedrohten Medizinischen Fakultät die sogenannte Bevölkerungsmedizin. Damals als „Barfußmedizin” belächelt, hat sich der Stellenwert dieser Untersuchungen angesichts der zunehmenden gesundheitsökonomischen Zwänge inzwischen deutlich verändert. Prävention wurde zu einem gesundheitspolitischen Schlüsselbegriff. Den Risikofaktoren, wie sie in der Greifswalder Studie ermittelt werden, kommt dabei eine zentrale Rolle zu.

Mit den Daten aus der dritten Phase der SHIP-Studie verfolgen die Wissenschaftler darüber hinaus ein Ziel, das sie mit dem Begriff der individualisierten Medizin umschreiben. „Wir wissen, dass die genetische Ausstattung eines Patienten entscheidend die Medikamentenaufnahme und damit den Therapieerfolg beeinflusst”, erklärt Studienleiter Völzke. Anhand der Studienergebnissen könnten künftig Therapien womöglich besser auf den einzelnen Patienten abgestimmt und optimiert werden.