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Aachen: Auch mal in den trüben Himmel schauen

Aachen : Auch mal in den trüben Himmel schauen

Kommt das Leben in der Natur im Herbst zur Ruhe, beginnen auch viele Menschen, sich zurückziehen: Sie haben keine Lust, sich nach Arbeitsschluss noch mit Freunden zu treffen, sondern sitzen lieber antriebslos vor dem Fernseher und gehen früh schlafen. Trotzdem haben sie am nächsten Morgen Probleme, aus dem Bett zu kommen.

Bei den meisten Menschen geht diese ruhige Phase ohne große Auswirkungen einfach vorüber, andere leiden an einer ausgemachten Winterdepression. Neben Antriebslosigkeit und Müdigkeit weisen die Betroffenen oft Merkmale auf, die für eine depressive Erkrankung ungewöhnlich sind: „Sie haben ein erhöhtes Schlafbedürfnis und ein erhöhtes Bedürfnis nach Kohlenhydraten wie Schokolade”, sagt Dieter Kunz. Er ist als Schlafmediziner ausgewiesener Chronobiologe.

Eine „normale” Depression zeichnet sich dagegen meist durch Schlaf- und Appetitlosigkeit aus. Der Experte schätzt, dass in Deutschland etwas drei bis fünf Prozent der Bevölkerung an einer Winterdepression leiden. Darüber hinaus verspürten etwa 25 Prozent der Menschen saisonal veränderte Befindlichkeiten. „Das sind die gleichen Mechanismen, die bei Tieren zum Winterschlaf auftreten.” Allerdings haben sie beim Menschen keine Bedeutung mehr, da er rund um das Jahr mit Nahrung versorgt wird.

Eine Winterdepression liegt vor, wenn die Beschwerden in einer gewissen Regelmäßigkeit und nur im Herbst und Winter auftreten. Außerdem muss die Krankheit mindestens zwei Wochen andauern, sagen Fachleute. Der Lichtmangel in der kalten Jahreszeit ist die Ursache für die gedrückte Stimmung.

„Die Wissenschaft geht davon aus, dass über Licht das Melatonin-System gesteuert und das Serotonin-System beeinflusst wird”, sagt Professor Ulrich Voderholzer. Er ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN). Der Botenstoff Melatonin steuert den Schlaf-Wach-Rhythmus und das Schlafbedürfnis. Serotonin hat dagegen eine direkte stimulierende Wirkung und hellt die Stimmung auf.

Typischerweise beginnen die Symptome der Winterdepression im Oktober, November oder Dezember. Im Januar gehen sie bereits häufig wieder zurück: „Die Beschwerden nehmen ab, wenn die Tage wieder länger werden”, sagt Voderholzer. Betroffene sollten - wenn möglich - viel Zeit draußen verbringen, so lange es hell ist. „Auch Bewegung ist ein erprobtes Mittel gegen Depression”, sagt Voderholzer.

Ein regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus kann ebenfalls helfen, die gedrückte Stimmung zu bekämpfen. Daran sollten sich Betroffene selbst am Wochenende halten. Wer früh aufsteht, bekommt mehr Tageslicht ab - auch bei schlechtem Wetter: „Selbst ein grau verhangener Himmel hat etwa 10.000 Lux”, sagt der Chronobiologe.

An einem sonnigen Tag kann die natürliche Lichtstärke sogar mehrere 100.000 Lux betragen.

Damit das Licht seine Wirkung richtig entfalten kann, sollte der Mensch zwar nicht direkt in die Sonne, laut Kunz aber unbedingt in den Himmel schauen. Jede Minute im Freien sei wichtig. Es helfe zum Beispiel schon, morgens einfach eine Haltestelle früher aus dem Bus auszusteigen und den Rest zu Fuß zu gehen. Die natürliche Lichtstärke im Raum ist dagegen eher gering - selbst an sonnigen Tagen: „Durch die Fenster gelangt nur ein Bruchteil des Lichts”, erklärt Hegerle.

Wenn die Stimmung trotz aller Bemühungen dauerhaft gedrückt bleibt, sollte man einen Arzt aufsuchen. Dann stecke keine Winterdepression sondern etwas Anderes dahinter, sagen die Schlafmediziner.

Und noch etwas: Die Zeitumstellung von der Sommer- zur Winterzeit am letzten Oktoberwochenende geht an vielen Deutschen nicht spurlos vorbei. Jeder Vierte braucht einer Umfrage zufolge recht lange, um seine innere Uhr auf die neue Zeit einzustellen. Insgesamt glauben 91 Prozent der Bundesbürger daran, dass der Wechsel Auswirkungen auf den Menschen hat. Das ergab eine Befragung des Marktforschungsinstituts Earsandeyes aus Hamburg.

„Eine Stunde dazu zu kriegen, ist klasse”, sagt Günter Woog aus Dreieich bei Frankfurt. Die Frühjahrsumstellung dagegen sei ganz grausig. Der 53-Jährige hat 1993 den Verein „Delta t für Zweitnormalität” (delta t ist der physikalische Ausdruck für einen Zeitabstand) gegründet - nach eigenem Bekunden der erste Verein für Spätmenschen und Langschläfer. Er wirbt um Verständnis für Leute, die nachts spät ins Bett gehen und morgens lange schlafen. Woog selbst legt sich gern erst um Mitternacht ins Bett, sieht noch zwei Stunden fern und schläft dann neun Stunden, bis er um elf Uhr wach wird. Auf der Vereinswebsite (www.delta-t.org) bittet er darum, nicht vor zwölf Uhr mittags angerufen zu werden. Denn: „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, sind wir da, wo´s schöner ist!”

Doch ganz so einfach sei das natürlich nicht, gibt er zu: „Ich bin selbstständig und kann mir aussuchen, wann ich meine Arbeit mache.” Mehr Verständnis für Langschläfer fordert auch die Medizinerin Ildiko Meny von der Uni München. Am Institut für medizinische Psychologie ist sie die Koordinatorin des Forschungsprojektes „ClockWork”, das die Beziehung von innerer Uhr und Schichtarbeit untersucht.

„Spättypen ticken tatsächlich anders als Frühtypen”, sagt sie. „Es ist mittlerweile belegt, dass dies genetisch bedingt ist.”

Das gibt Magengeschwüre

Meny warnt vor gesundheitlichen Folgen: Wer als extremer Spättyp jahrelang seinen biologischen Rhythmus ignorieren müsse, leide häufig unter chronischem Stress. Bei dem einen führe dies zu Magengeschwüren, bei dem anderen zu Bluthochdruck oder chronischen Entzündungen, so die Ärztin. Zudem spiele auch das Alter eine Rolle: „Bis 40 lässt sich Schlafmangel noch besser kompensieren, danach wird es deutlich schwieriger.”

Genau wie Günter Woog setzt sich auch Meny dafür ein, Spättypen entgegenzukommen und sie ihre Arbeit einfach zu einem späteren Zeitpunkt erledigen zu lassen. „In Deutschland hat sich da auch durchaus schon viel getan, etwa durch die Einrichtung von Heimarbeitsplätzen und flexibleren Arbeitszeiten. Viele Leute arbeiten einfach gern nachts.”