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Berlin: Apothekenmarkt vor Strukturwandel: Mehrbesitzverbot auf der Kippe

Berlin : Apothekenmarkt vor Strukturwandel: Mehrbesitzverbot auf der Kippe

Früher kannten Apotheker und ihre Kunden sich meist mit Namen. Der persönliche Kontakt war und ist wichtig. Schließlich geht es beim Medikamentenkauf um Vertrauen.

Doch es geht auch um Preise. Nachdem vor vier Jahren der Versand-Arzneihandel erlaubt wurde, können beispielsweise über das Internet Medikamente erworben werden. Der Preiswettbewerb bei frei verkäuflichen Arzneimitteln hat sich seitdem verschärft. Doch der Apothekenmarkt befindet sich erst am Beginn eines Strukturwandels.

Jetzt will die EU das sogenannte Mehrbesitzverbot in Deutschland kippen. Demnach dürfen Apotheker bislang nur bis zu vier Apotheken besitzen, Ketten wie in Großbritannien und den Niederlanden sind nicht erlaubt. Ein entsprechendes Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland wurde eingeleitet, die Bundesregierung muss nun reagieren. Gegen das Fremdbesitzverbot, nach dem nur approbierte Pharmazeuten Apotheken führen dürfen, geht die EU bereits vor.

„Wir bereiten uns auf eine vollständige Liberalisierung des Marktes vor”, kündigte Celesio-Sprecher Rainer Berghausen an. Der erste strategische Schritt des Pharmagroßhändlers sei die Übernahme der DocMorris-Versandapotheken gewesen. Bei einem Fall des Fremdbesitzverbotes könnten sie sich in Zukunft auch von angestellten Apothekern geführte Apotheken vorstellen. Berghausen zufolge würde ein gekipptes Mehrbesitzverbot dazu führen, dass zunächst die Apothekenzahlen anstiegen. Dann käme es zu einer Konsolidierung und einem entsprechenden Abbau der Überkapazitäten.

Davor möchte die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) ihre Mitglieder schützen. Die heilberufliche Verantwortung für jeden einzelnen Kunden stehe auf dem Spiel, sagt ABDA-Sprecher Thomas Bellartz. Zudem dürften Pillen nicht deshalb gekauft werden, weil sie billig seien.

Bellartz zufolge bedeutet zumindest der seit 2004 zugelassene Versandhandel ökonomisch gesehen für die regulären Apotheken keine Gefahr. Der Anteil am Gesamtumsatz habe im vergangenen Jahr bei einem Prozent gelegen. Celesio wollte zum DocMorris-Versandhandel keine Zahlen nennen. Nach Angaben Berghausens ist das Unternehmen aber mit der Entwicklung zufrieden.

Achim Kaul ging mit der Internet-Apotheke VersandApo.de bereits Anfang 2004 auf den Markt. Es habe sich damals gelohnt, so früh da zu sein, freut sich Kaul noch heute. Jetzt blickt er skeptisch in die Zukunft. Die Konkurrenz werde immer größer, und jetzt wollten auch noch die Drogerieketten dm und Schlecker in den Handel einsteigen, sorgt sich Kaul. Diese Unternehmen seien zwar Branchenfremde, hätten aber als große Ketten Finanzkraft. Und sie würden wohl alles versuchen, um die eigentlich geringen Gewinnmargen zu vergrößern.

Bei Schlecker wollte sich auf Anfrage niemand konkret zu den Plänen eines Einstieges in den Versandhandel äußern. Ein Unternehmenssprecher bestätigte nur die Berichterstattung im aktuellen „Manager Magazin”. Demnach will Schlecker noch im Februar mit dem Versandhandel zumeist bekannter und gängiger Medikamente wie Aspirin, Grippostad oder Thomapyrin beginnen. Diese sind laut Firmen-Chef Anton Schlecker zufolge dann zunächst nur im Versand erhältlich. Kunden könnten die Medikamente online, per Fax oder Telefon bestellen. In den Filialen werde nur Werbematerial ausliegen.

In 80 dm-Drogeriemärkten in Nordrhein-Westfalen können Interessierte seit vergangenem Jahr Medikamente an den sogenannten Pharma-Punkten kaufen. „Wir sind sehr zufrieden mit der Resonanz auf den Bestell- und Abholservice. Wenn man bedenkt, dass sich die Einkaufswege der Kunden dem neuen Service erst anpassen müssen, sind die ersten guten Ergebnisse umso positiver einzuschätzen”, sagt dm-Geschäftsführerin Petra Schäfer. Sie prüften derzeit, weitere Pharma-Punkte in den Märkten einzurichten.

Apotheker und Unternehmen müssen jetzt die Entscheidungen der Bundesregierung und der EU-Kommission abwarten. Trotz konträrer Auffassungen sind sich ABDA und Celesio dabei in einem Punkt einig: „Medikamente sind keine Bonbons, die überall verkauft werden dürfen”.