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Alterforscherin über die Wirkung von Gehirnjogging

Wordle, Sudoku, Kreuzworträtsel : Wie wirkungsvoll ist Gehirnjogging?

Wer rätselt, könne sein Gehirn stärken, heißt es. Das sogenannte Gehirnjogging liegt im Trend. Wie wirkungsvoll ist das Training? Darüber spricht die Leiterin der Arbeitsgruppe Neurologie der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie, Christine von Arnim.

In vielen Ratgebern ist zu lesen, dass regelmäßiges Rätseln das Gehirn stärken und so jung halten könnte. Ein Mythos? Christine von Arnim, Leiterin der Arbeitsgruppe Neurologie der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie und Professorin für Geriatrie an der Universitätsmedizin Göttingen, kennt sich mit den Vorgängen im Kopf aus. Im Gespräch mit Kian Tabatabaei spricht sie über die Wirkung von Gehirnjogging mit Rätselspielen wie Wordle.

Muss Tag und Nacht auf Wache stehn, hat keine Füße und muss doch gehn, hat keine Hände und muss doch schlagen: Frau von Arnim, können Sie mir die Lösung dieses Rätsels sagen?

Christine von Arnim: (denkt wenige Sekunden nach) Die Uhr.

Was ist gerade in Ihrem Gehirn geschehen?

Von Arnim: Ich habe in allen Schubladen gekramt und assoziiert. Beim Rätseln werden je nach Rätsel die Nervenzellen in verschiedenen Bereichen – fachsprachlich oft als Domänen oder anschaulich als Schubladen bezeichnet – im Gehirn stimuliert. Hier im Beispiel ist der Bereich betroffen, der Sprache verarbeitet, und das logische Denken. Meist werden Verbindungen zwischen diesen Bereichen aktiviert.

Wäre dasselbe passiert, wenn Sie ein Sudoku oder ein Worträtsel wie Wordle gelöst hätten?

Von Arnim: Nein. Wenn man unterschiedliche Rätsel löst, beansprucht man auch unterschiedliche Bereiche im Gehirn. Man zieht immer andere Schubladen auf.

Mit Blick auf das sogenannte Gehirnjogging bedeutet das, dass sich nie alle „Muskeln“ gleichzeitig trainieren lassen.

Von Arnim: Genau. Daher haben wir in der Schule auch nicht nur ein Fach, sondern viele. Wenn ich ständig Versrätsel löse, werde ich darin irgendwann richtig gut. Die Einkaufsliste kann ich mir deswegen am nächsten Tag trotzdem nicht merken. Und das Gehirn im Allgemeinen lässt sich damit nicht verjüngen. Es gibt bislang leider noch nicht die eine Übung, mit der alle Bereiche im Gehirn angesprochen werden können.

Wer rätselt, schmeißt nicht nur geschickt mit Buchstaben oder Zahlen um sich, sondern ist auch, meist über einen längeren Zeitraum, konzentriert bei einer Sache. Welche Rolle spielt das?

Von Arnim: Man trainiert zwar nie alle, aber auch nie nur einen Bereich. Gerade beim Rätseln geht es ja immer auch um Aufmerksamkeit oder um Arbeitsgeschwindigkeit. Bei einer Studie der Universität Ulm haben wir zum Beispiel gesehen, dass Menschen, die in ihrem Leben viel gepuzzelt haben, in räumlich-konstruktiven Tests, aber auch in anderen Tests gut abschneiden. Und eine Studie des Max-Planck-Instituts und der Berliner Charité hat gezeigt, dass sich mit Super-Mario-Spielen besonders viele Fähigkeiten trainieren lassen. Mit Videospielen lassen sich verschiedene Bereiche im Gehirn gut kombinieren.

Videospiele, aber auch Rätseln machen in der Regel Spaß. Wie wirkt das?

Von Arnim: Das ist ein Aspekt, der oft unterschätzt wird. Bei vielen Menschen steigert sich beim Rätseln das Wohlbefinden, sie fühlen sich entspannt. Das haben wir mit der Universität Ulm auch mit der Puzzle-Studie zeigen können. Gehirntraining wirkt am besten, wenn die Menschen dabei Spaß empfinden. In den Leitlinien für Demenz empfehlen wir daher ganz allgemein kognitive Stimulation und nicht spezielle Spiele beziehungsweise Rätsel.

Wer beim Rätseln erfolgreich ist, hat besonders viel Spaß. Wie schwer wiegen Erfolg beziehungsweise Misserfolg?

Von Arnim: Ganz einfach: Wenn wir erfolgreich rätseln, setzt das Gehirn Dopamin frei. Und das macht glücklich.