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Madrid: Abtreiben statt Verhüten: Spaniens liberales Abtreibungsgesetz

Madrid : Abtreiben statt Verhüten: Spaniens liberales Abtreibungsgesetz

Die 22-jährige Belinda aus Madrid hatte bereits zwei Mal abgetrieben, bevor sie Rat zum Thema Verhütung suchte. Bei ihren oft flüchtigen Bekanntschaften empfand sie Kondome als lästig, und sie wusste wenig darüber, wie schnell es zu einer ungewollten Schwangerschaft kommen kann.

So geht es vielen Männern und Frauen in Spanien, wo die Zahl der Abtreibungen auf ein neues Rekordniveau stieg. Mehr als 101.000 Frauen haben 2006 in Spanien abgetrieben, zehn Prozent mehr als im Jahr davor, so die Statistik des Gesundheitsministeriums. Im Vergleich zu 1997 hat sich die Zahl verdoppelt. Bei jungen Schwangeren nahmen die Abtreibungen sogar um 150 Prozent auf 13.400 zu.

In Spanien gilt seit 1985 eine Indikationsregelung. Demnach darf nach einer Vergewaltigung bis zur 12., bei Missbildung des Fötus bis zur 22. Schwangerschaftswoche abgetrieben werden. Bei Gefahren für die körperliche oder seelische Gesundheit der Frau ist ein Abbruch während der gesamten Schwangerschaft erlaubt.

Fast alle Abtreibungen werden mit einer solchen medizinischen Indikation begründet. Abtreibungsgegner halten die dafür erstellten psychiatrischen Gutachten für eine Farce. Der konservative Abgeordnete Luis Fernández spricht von „Kindsmorden” und fordert eine Verschärfung des Gesetzes. Am 30. Dezember demonstrierten in Madrid nach einem Aufruf der katholischen Kirche mehr als 100.000 Menschen für die christliche Familie und gegen Abtreibung.

Unterdessen kommt es auch verstärkt zu Aktionen vor Kliniken und sogar zu körperlichen Angriffen. In staatlichen Krankenhäusern verweigern die Gynäkologen ohnehin Schwangerschaftsabbrüche. Vitoria Virtudes, Gynäkologin einer Frauenklinik, in der abgetrieben wird, wird seit sieben Monaten von anonymen Anrufern mit dem Tode bedroht. Am 13. Dezember wurde sie von Vermummten vor ihrer Haustür verprügelt.

Die Abtreibungskliniken wollen wegen solcher Angriffe vom 7. bis 11. Januar streiken. Die Gegner von Schwangerschaftsabbrüchen sehen sich wiederum durch polizeiliche Ermittlungen gegen mehrere Privatkliniken bestätigt, die bis zum achten Monat abgetrieben haben sollen. Psychiater hätten Blankoformulare unterschrieben, so die Vorwürfe. Mehrere Ärzte wurden im Dezember verhaftet.

Die Ärztin Virtudes ist Vorstandsmitglied der spanischen Gesellschaft für Familienplanung und fordert eine Fristenlösung, nach der der Schwangerschaftsabbruch bis zur 13. Woche erlaubt wäre - ohne psychiatrische Gutachten. Spätabtreibungen, die gegenwärtig 0,2 Prozent aller Abbrüche ausmachten, ließen sich aber auch künftig bei schweren Missbildungen oder Lebensgefahr für die Frauen nicht vermeiden, gibt sie zu bedenken.

Die Ärztin fordert mehr Engagement für die Verhütung. Sexualaufklärung komme im spanischen Lehrplan bisher nicht vor, und die Mittel für Familienplanungszentren würden reduziert. Verhütungsmittel für Jugendliche oder die „Pille danach” seien oft nur schwer zu bekommen.

Bei ausländischen Mädchen und Frauen ist die Abtreibungsrate besonders hoch. Sie haben kaum Zugang zu modernen Methoden der Familienplanung. Selbst auf einen Termin beim Gynäkologen warten Frauen in Madrid oft sechs Monate oder länger. So verzichten viele auf eine professionelle Beratung oder Verhütungsmittel wie die Pille oder die Spirale. Belinda war 18, als sie zum ersten Mal beim Frauenarzt war. Das war bei ihrer ersten Abtreibung.