Berlin: Wann Online-Kredite von privat sich rechnen

Berlin : Wann Online-Kredite von privat sich rechnen

Exakt 4050 Euro braucht „Lizzy88”. Damit will sie ihren Dispokredit ausgleichen und Rechnungen bezahlen, die nach einem Wasserschaden und einer Beerdigung offen sind. „Studentin braucht Hilfe!”, schreibt sie - und die erhofft sie sich aus dem Netz.

Von anderen Privatleuten, die Geld übrig haben und es ihr leihen wollen - gegen einen Zinssatz von 10,55 Prozent. „Crowdlending” oder „P2P-Lending” nennt sich diese Form der privaten Darlehens-Vermittlung mittels spezieller Plattformen, wie Auxmoney und Smava, die es seit rund sechs Jahren in Deutschland gibt.

„Das ist immer noch eine Randerscheinung”, sagt Dorothea Schäfer, Forschungsdirektorin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin über die schwarmfinanzierten Kredite. „Aber sie gewinnen deutlich an Gewicht.” Vor drei Jahren lag das Gesamtvolumen durch Smava und Auxmoney vermittelter Privat-Kredite laut DIW bei knapp 33 Millionen Euro. Aktuell sind es bereits knapp 61 Millionen Euro allein bei Auxmoney.

Die Stiftung Warentest kam jüngst zu dem Schluss, dass Smava und Auxmoney „einen Versuch wert” seien. „Für Menschen, deren Bonität nicht die beste ist, kann der Kredit sogar günstiger sein als bei der Bank. Risikofreudige Geldgeber können gute Renditen erzielen”, lautet das Urteil in der Zeitschrift „Finanztest” (6/2013).

Das Prinzip der Plattformen ist simpel: Kreditsuchende stellen ihr Projekt gebührenfrei vor, legen fest, welche Summe sie benötigen, welche Laufzeit und welchen Zinssatz sie möchten. Anleger wählen frei aus, mit welcher Summe, sie welche Vorhaben unterstützen möchten. Finden sich genügend Geldgeber, kommt der Kreditvertrag zustande. Dafür verlangen die Vermittler dann eine Provision. Über die jeweilige Partnerbank des Portals wird das Darlehen ausbezahlt und werden die monatlichen Ratenzahlungen abgewickelt. Geldgeber und Geldnehmer lernen sich dabei nicht kennen.

Im Unterschied zu Auxmoney aus Düsseldorf bietet Smava seit 2011 neben „Smava-Privat” auch einen Kreditvergleich von Banken an. Deren Angebote werden automatisch mit angezeigt. „Der Kunde erhält einen individuellen Marktüberblick aus bereits vorgeprüften Kreditangeboten. Danach kann er sich für die Bank seiner Wahl entscheiden oder auch gezielt für den Privatanleger-Kredit”, sagt Alexander Artopé, Geschäftsführer von Smava in Berlin.

Bei Auxmoney können Kreditnehmer maximal 20 000 Euro erhalten. Sie müssen 2,95 Prozent des Kreditbetrages an Vermittlungsgebühr zahlen, die mit den Monatsraten verrechnet wird. Zusätzlich verlangt die Partnerbank SKW monatlich 2,50 Euro Servicegebühr sowie jährlich 17,50 Euro für Kontoauszüge. Geldgeber zahlen für die Bearbeitung 1,00 Prozent (mindestens 1,00 Euro) der Anlagesumme.

Bei „Smava-Privat” liegt die Obergrenze bei 50 000 Euro. Die Vermittlungsgebühr beträgt hier je nach Laufzeit zwischen 2,5 und 3,0 Prozent der Kreditsumme. Investoren brauchen ein Konto beim Partner-Institut der Fidor Bank. Sie zahlen einmalig 1,35 Prozent der Anlagesumme und zusätzlich 0,50 Euro monatlich als Bearbeitungsgebühr. Abgezogen wird außerdem der sogenannte Poolausgleich. Wie hoch dieser ist, kann Smava-Chef Artopé nicht sagen: „Ein Ausgleich für eine Pool-Absicherung findet immer nur dann statt, wenn Rückzahlungen von Kreditkunden nicht wie geplant eintreffen. Diese sind von Monat zu Monat unterschiedlich.” Fällt in einem Pool von 100 Anlegern der Kredit eines Anlegers aus, gleichen die 99 anderen den Verlust anteilig aus.

Nach Abzug aller Kosten spricht Auxmoney von einer aktuellen Rendite zwischen 5 und 7 Prozent, Smava von 4,5 Prozent Durchschnittsrendite. Bei den Düsseldorfern platzen 3 von 100 Krediten, bei den Berlinern wird man weniger konkret: Die Ausfallquote liege im einstelligen Bereich, teilt man mit. „Der Anleger geht das Risiko ein, dass er sein Geld nur teilweise oder gar nicht zurückbekommt”, warnt Stiftung Warentest. Seine Notgroschen sollte man daher „keinesfalls” bei den Plattformen anlegen.

Um die Ausfallquote so niedrig wie möglich und das Risiko für die Investoren transparent zu halten, prüfen die Plattformen Kreditnehmer und zeigen deren Bonität, die durch Schufa-Einträge, kontrollierte Identitäten und zusätzliche Zertifikate bestimmt wird. „60 Prozent der Kreditanfragen schaffen es gar nicht auf unsere Marktplatz”, sagt Raffael Johnen, Geschäftsführer von Auxmoney. Ausschlusskriterien seien beispielsweise eine zu niedrige Bonität, deren Bewertung auf verschiedene Faktoren fußt, eine Insolvenz, ein Haftbefehl, jünger als 18 Jahre oder keine deutsche Bankverbindung.

„Wir würden es begrüßen, wenn diese hohen Standards in eine auf den P2P-Markt abgestimmte Regulierung fließen würden”, meint Johnen. Sollte das Volumen weiter anwachsen, sei eine Kontrolle der Plattformen durch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) dringend nötig, sagt Dorothea Schäfer vom DIW.

„Online-Kreditplattformen sind eine Art Bypass für die Kreditvergabe”, sagt Falko Fecht, Professor für Finanzökonomie an der Frankfurt School of Finance & Management. „Banken schwimmen derzeit in Liquidität. Sie sind jedoch gleichzeitig personell spürbar ausgedünnt und insgesamt sehr restriktiv bei der Vergabe von Krediten.” Das mache es nicht unbedingt leichter, als Verbraucher, Freiberufler oder Selbstständiger über den herkömmlichen Weg an geliehenes Geld zu kommen.

Kreditsuchende seien bei Banken einem einzelnen Menschen quasi ausgeliefert, der wiederum bestimmten Regeln und Zielen unterworfen sei, sagt Finanzmarkt-Expertin Schäfer. Das könne problematisch werden, vor allem wenn zu fehlender Sympathie noch eine schwächere Bonität komme. Das sei im Netz anders. „Die Weisheit des Schwarms ist manchmal höher als die eines einzelnen Sachbearbeiters.”

(dpa)
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