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Stuttgart: Teure Liquidität: Dispokredit kann zur Schuldenfalle werden

Stuttgart : Teure Liquidität: Dispokredit kann zur Schuldenfalle werden

Mein Boot, mein Pferd, mein neuer Fernseher. Kein Geld? Kein Problem mit einem Dispokredit, so scheint es. Der Dispo, das Überziehen des Girokontos, ist eine einfache und oft genutzte Möglichkeit, an Geld zu kommen. Die bequeme Liquidität lassen Geldinstitute sich gut bezahlen: Der Dispo ist einer der teuersten Kredite, die Kunden in Anspruch nehmen können. Chronisch klamme Verbraucher kann das in die Schuldenfalle führen.

Der Dispokredit ist an das Girokonto geknüpft. Die Bank gewährt ihn meist, sobald auf einem neu eröffneten Konto drei bis sechs Monatsgehälter eingegangen sind. Entweder treffen Institut und Kunde dazu eine Vereinbarung oder die Bank teilt auf dem Kontoauszug mit, dass der Kredit genutzt werden kann. Der Kunde kann dann automatisch über den Kredit verfügen, wenn sein Konto ins Minus rutscht. Die Bonität wird nicht extra geprüft. „Das ist bereits mit der Kontoeröffnung passiert”, erläutert Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg in Stuttgart. Das Kreditlimit beträgt meist zwei bis drei Monatsgehälter.

Die Zinsen für Dispokredite sind sehr hoch: Verlangt werden Sätze im deutlich zweistelligen Prozentbereich, wie aus einer Übersicht der FMH-Finanzberatung in Frankfurt am Main hervorgeht. Für einen Dispo über 3000 Euro will die günstigste Bank 5,25 Prozent. Andere Institute verlangen bis zu 14,75 Prozent Zinsen, wie jüngst eine Untersuchung der Stiftung Warentest für die Zeitschrift „Finanztest” ergab. Das Gros der Banken setzt an die 10 Prozent an. Ohne vereinbarten Dispokredit sind in der Regel Überziehungszinsen fällig, die im Schnitt 5 Prozentpunkte über dem Dispo liegen.

Über das Jahr gesehen summieren sich die Zinsbeträge. „Man kann schnell den Überblick verlieren”, warnt Niels Nauhauser. Die Kündigung flattert ins Haus, der Kühlschrank geht kaputt, das Auto in Reparatur, Klassenfahrt muss bezahlt werden. Die Schuldenfalle droht erst recht, wenn das Konto ständig im Minus steht und jemand auf Dauer ohne den kostspieligen Dispo gar nicht mehr über die Runden kommt. Ein erster Schritt zurück ins Plus ist, Einkäufe bar zu bezahlen anstatt mit Karte. „Man hat die Ausgaben besser im Blick”, meint Nauhauser. Im nächsten Schritt kommen sämtliche Ausgaben auf den Prüfstand.

Ein weiterer Schritt ist der Wechsel zu einer Bank mit günstigeren Zinskonditionen. Vorher sollte jedoch der bisherige Dispo abgelöst und das alte Konto ausgeglichen werden. Das erwarten zumindest viele Banken, um eine Doppelbelastung ihrer Klientel zu verhindern. In der Praxis bereitet aber das Ablösen ohnehin finanziell schlecht gestellten Verbrauchern Probleme: „Hebe ich den Dispo vom neuen Konto ab, um den alten abzulösen, kann ich in die Dispofalle geraten”, sagt Nauhauser. Zudem können Institute die Konditionen zu Lasten des Kunden verändern oder ihm den Dispo kündigen, wenn Zweifel an der Zahlungsfähigkeit aufkommen. „Die Banken sind in einer starken Position” stellt Nauhauser fest. Gerade klamme Verbraucher hätten deshalb kaum Chancen, bessere Bedingungen auszuhandeln.

Denn der Dispo ist ein gutes Geschäft für die Geldhäuser. Die geforderten Zinssätze liegen deutlich über denen der Europäischen Zentralbank. Deren Zinssenkungen kommen unten kaum an. „Die Bewegungen werden mitgemacht, aber nicht so weit wie bei der EZB”, hat FMH-Inhaber Max Herbst analysiert. Der EZB-Zinssatz beträgt aktuell 0,5 Prozent, der Dispozins im Schnitt 10 Prozent.

Ratenkredite können bei längerfristig höherem Geldbedarf eine Alternative sein. „Niedrigere Zinsen plus feste Rate”, nennt Stephanie Pallasch von der Zeitschrift „Finanztest” als Vorteile. Selbst für den teuersten Ratenkredit müssen Kunden laut FMH derzeit 8,35 Prozent Zinsen zahlen (Stand: 5.9.13). Hinzu komme die Verpflichtung, das Geld zurückzuführen. „Das verlangt Disziplin”, sagt Pallasch. Ratenkredite bringen aber nur etwas, wenn der Dispo auf null gesetzt wird: „Umschulden in Raten und dann Dispo behalten, führt langfristig wieder in die Schulden.”

Kunden, die zum zinsgünstigeren Ratendarlehen wechseln wollen, müssen hartnäckig verhandeln. Banken haben nach Beobachtung von Niels Nauhauser wenig Interesse an einer Ablösung. Max Herbst wertet als Nachteil des Ratenkredits, dass zusätzlich zu den Zinsen das Darlehen getilgt werden muss. Werde dazu wieder der Dispo genutzt, beginne die typische Schuldenspirale.

Probleme mit dem Dispo lassen sich mit etwas Weitsicht umgehen. Verbraucher können zum Beispiel mit ihrem Geldinstitut schon bei Eröffnung des Girokontos vereinbaren, dass es nicht überzogen werden darf. Alternativ kann der Kreditrahmen freiwillig beschränkt werden - etwa auf 500 oder 1000 Euro. Dann ist für Abbuchungen ausreichend Spielraum da - so werden Kosten für eventuell fällige Rücklastschriften gespart. Kunden können den eingeräumten Dispo bei der Bank auch jederzeit kündigen.

(dpa)