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Berlin: Neue Steuervariante für Paare bringt wenig Zählbares

Berlin : Neue Steuervariante für Paare bringt wenig Zählbares

Seit Beginn des Jahres 2010 haben berufstätige Ehepaare eine zusätzliche Option bei der Wahl ihrer Steuerklasse: das Faktorverfahren. Dabei werden Abzüge, etwa der Grundfreibetrag, für beide Partner direkt bei der Lohnsteuer berücksichtigt und nicht erst im Jahresausgleich.

„Der Charme des Faktorverfahrens besteht darin, dass es den Zahlen der Jahressteuererklärung am nächsten kommt”, sagt Erich Nöll vom Bundesverband der Lohnsteuerhilfevereine (BDL) in Berlin. Hohe Nachforderungen des Fiskus, wie sie bislang vor allem Paare mit der gängigen Kombination der Steuerklassen III und V oft erhielten, seien deshalb nicht mehr zu befürchten.

Wenn der Gehaltsunterschied zwischen den Eheleuten groß ist, bringt diese Kombination zunächst mehr Netto im Monat. Das höhere Gehalt wird mit der Steuerklasse III relativ niedrig besteuert, das geringere Gehalt mit V vergleichsweise hoch. Erst der Lohnsteuerjahresausgleich bringt beides ins Lot. Vor allem viele der in Klasse V eingestuften Frauen empfänden diese Praxis als „gefühltes Unrecht”, sagt Nöll. „Sie glauben, umsonst zu arbeiten.”

Diesem Eindruck will die neue Kombination IV-Faktor/IV-Faktor abhelfen. Dabei werden die persönlichen Entlastungsbeträge - etwa Grund- und Kinderfreibetrag, Vorsorgepauschale oder Fahrtkosten zur Arbeitsstelle - jedem Partner monatlich direkt von der Steuer abgezogen.

Unter dem Strich zahlt jeder „so viel Lohnsteuer wie es seinem Anteil am gemeinsamen Bruttolohn entspricht”, erläutert Nora Schmidt-Keßeler von der Bundessteuerberaterkammer (BStBK) in Berlin.

Die Entscheidung für das Faktorverfahren ist freiwillig. Paare, die dafür optieren, stellen formlos einen gemeinsamen Antrag beim Finanzamt. Das kann gleichzeitig mit dem Eintrag der Freibeträge erledigt werden.

Der Fiskus ermittelt den maßgeblichen Faktor mit Hilfe einer Formel. Grundlage sind die voraussichtlichen Arbeitslöhne, die die Arbeitnehmer auf einem Vordruck angeben müssen. Das fiskalische Rechenexempel ergibt immer eine Zahl, die kleiner ist als Eins. Diese werde - jeweils mit drei Stellen hinter dem Komma - auf beiden Lohnsteuerkarten neben die Steuerklasse IV eingetragen, erklärt Schmidt-Keßeler.

Später dienen die Angaben den Arbeitgebern dazu, die Lohnsteuer richtig abzuziehen. Sie setzen Steuerklasse IV an, multiplizieren sie aber mit dem errechneten Faktor, zum Beispiel 0,877.

Übers Jahr gesehen bringt die Methode nach Einschätzung von Fachleuten kaum finanziellen Vorteile, weil „in der Summe die Lohnsteuerschuld die gleiche bleibt”, sagt Schmidt-Keßeler. Es entfielen aber unliebsame Nachzahlungen, wie sie bei der Kombination III/V oft der Fall sind. Und mit ihnen verschwinden Verdruss und Proteste beim Finanzamt. Andererseits dürften Paare auch kaum noch mit Erstattungen rechnen, die ihre Urlaubskasse füllen.

Genau nachrechnen sollten Paare mit etwa gleich hohem Einkommen, die bereits wie Ledige nach Steuerklasse IV veranlagt werden. Sie könnten beim Faktorverfahren sogar draufzahlen. Das Bundesfinanzministerium hat auf einer Informationsseite einen Rechner veröffentlicht.

Damit können Arbeitnehmer ihren persönlichen Faktor und die steuerlichen Auswirkungen der verschiedenen Kombinationen kalkulieren. Beispielrechnungen des BDL ergaben zwischen der Kombination der Klassen III/V und dem Faktorverfahren einen Unterschied von einem Euro.

Für Erich Nöll ist ein Wechsel deshalb eher abhängig von den „innerehelichen Verhältnissen: III/V ist günstig, wenn man sich gut versteht und rechnet sich, wenn jemand mehr als 60 Prozent zum Nettoeinkommen beisteuert.”

Der Hinweis auf das „sich gut Verstehen” hat einen Hintergrund: Nach dem Willen des Gesetzgebers können nur Verheiratete den Antrag einreichen, die „nicht dauernd getrennt leben und beide Arbeitslohn beziehen”. Außerdem müssen beide steuerpflichtig sein. Darauf weist das Bundesfinanzministerium hin.

Der Faktor kann im Laufe des Jahres verändert werden, wenn sich die Voraussetzungen ändern. „Dazu zählen Arbeitslosigkeit, Tod eines Partners, Beginn der Rente oder Selbstständigkeit”, zählt Schmidt-Keßeler auf. Laut Ministerium ist eine Änderung jedes Jahr bis zum 30. November möglich. Der Faktor wird dann neu berechnet.

Um eine Steuererklärung kommen Faktor-Nutzer nicht herum. Wie bei der Kombination III/V sind Arbeitnehmer verpflichtet, nach Ablauf des Kalenderjahres eine Erklärung abzuliefern. Paaren mit den Steuerklassen IV/IV erlässt der Fiskus in der Regel diese Pflicht.

Weil das Faktorverfahren sich kaum auszahlt, stellt der BDL die psychologische Wirkung der neuen Alternative in den Vordergrund. Sie sei frauenfreundlich; für geringverdienende Frauen „erscheint das Verfahren gerechter.” Fachleute sehen sogar einen Anreiz, dass Frauen vermehrt in den Beruf zurückkehren.

Die Wahl der Steuerklasse wirkt sich auch auf Kurzarbeiter-, Arbeitslosen-, Kranken- und Elterngeld aus. Deren Zahlung hängt vom Nettogehalt ab. Beispiel Elterngeld: Es wird nach dem Nettoverdienst des Partners berechnet, der das Kind zuerst betreut. Weil schlechter verdienende Frauen häufig in Steuerklasse V eingestuft sind, ist die Bemessungsgrundlage und damit das Elterngeld geringer als bei Arbeitnehmern mit gleichem Bruttolohn in Klasse III oder IV.