Essen: Nach der Seele fragt niemand im Jobcenter

Essen: Nach der Seele fragt niemand im Jobcenter

„Guten Tag, geht es Ihnen gut?” Eine solche Begrüßung hören die 890 000 Langzeitarbeitslosen in deutschen Jobcentern selten. Den Fallmanagern fehlt meist nicht nur die Zeit für solche Fragen, auch Unsicherheit im Umgang mit Gefühlen der Arbeitslosen hält sie zurück.

Ein Pilotprojekt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Essen beschäftigt sich seit einem Jahr mit einer selten beachteten Seite von Hartz IV: den Folgen für die Seele.

Unter Federführung des Jobcenters Essen berät das Team aus Ärzten und Psychologen Langzeitarbeitslose mit psychischen Auffälligkeiten. Die Mediziner haben ein eigenes Büro in der Arbeitsagentur; auffällige Hartz IV-Empfänger bekommen gleich vom Jobberater das Angebot, sich bei den Ärzten und Psychologen vorzustellen.

Weil dies im selben Gebäude stattfindet, ist die Hürde deutlich niedriger. Viele Langzeitarbeitslose würden freiwillig nie eine psychiatrische Klinik betreten, berichten die Wissenschaftler. 86 Prozent der Angesprochenen haben sich vor dem Projekt noch nie psychologisch beraten lassen.

Das Psychologenteam hat 50 Fallmanager der Arbeitsagentur geschult, erste Anzeichen zu erkennen. In der Agentur und einem Arbeitslosencafe werden die von den Fallmanagern ausgewählten Teilnehmer zu psychologischen Gesprächen eingeladen. Eine strukturierte wissenschaftliche Studie begleitet das Projekt. Die Mittel kommen vom Bund.

Die ersten Projektergebnisse zeigen: Ernsthafte psychische Erkrankungen kommen bei Langzeitarbeitslosen erstaunlich häufig vor. Im Durchschnitt erkrankt jeder fünfte Bundesbürger einmal im Leben an einer Depression.

Bei den angesprochenen Arbeitslosen zeigte sich in den Diagnosegesprächen: Über 90 Prozent der ausgewählten Patienten wiesen ausgeprägte klinisch relevante psychische Störungen auf. Bei 80 Prozent diagnostizierten die Ärzte sogar Mehrfacherkrankungen wie Depressionen, Angst- und Persönlichkeitsstörungen.

„Das waren keine Löcher, das waren Riesenkrater, in die ich gefallen bin”, erzählt ein Mann Anfang fünfzig. Jeans, eine blaue Pudelmütze, freundliche Augen. Er sitzt bei seinem ersten psychologischen Beratungsgespräch. Seit mehreren Jahren hat er Schlafstörungen, wird schnell aggressiv. Dabei ist er eigentlich ein ruhiger Mensch, sagt er.

Vier Jahre lang verdiente er viel Geld mit Aktienhandel. Er flog um die Welt und arbeitete in Spanien, New York und Tokio. Dann machte sein Arbeitgeber Pleite. Rücklagen - Fehlanzeige. „Man denkt erst noch: „Ich doch nicht. Ich krieg doch Arbeit””, erzählt er. Doch das ist ein Irrtum. „Dann sind Sie nur noch ne Nummer im Arbeitsamt.” Irgendwann habe sein Leben begonnen, sich im Kreis zu drehen.

Die Arbeitslosenquote in Deutschland lag zur Jahreswende bundesweit bei 6,6 Prozent. Jeder dritte Betroffene ist langzeitarbeitslos - mehr als die Hälfte seit zwei und mehr Jahren. Daten über den Zusammenhang von Langzeitarbeitslosigkeit und psychischer Erkrankung gebe es in Deutschland bisher kaum, so Projektleiter Bernhard Kis.

Ursache oder Folge?

Ist die Krankheit Ursache oder Folge der Arbeitslosigkeit? „Es ist schwer zu sagen, was die Henne und was das Ei ist.” Internationale Studien wiesen aber eindeutig auf ein erhöhtes Risiko für depressive Störungen und Abhängigkeitserkrankungen bei älteren langzeitarbeitslosen Menschen hin, sagt Kis.

„Mein enger Bekanntenkreis sind jetzt Arbeitslose. Mit Leuten, die Arbeit haben, komme ich nicht mehr klar”, erzählt der ehemalige Aktienhändler der Ärztin Birgit Meiler, die bei dem Projekt mitarbeitet. „Wenn man in so einem Projekt arbeitet, dann wird einem noch mal klar, wie belastend die Situation für die Menschen ist - wie fremdbestimmt ihr Leben ist”, sagt sie nach dem Gespräch.

„Erlernte Hilflosigkeit” nennt sie die Haltung vieler Langzeitarbeitsloser: Das Ohnmachtsgefühl, einer Institution ausgeliefert zu sein. Das mache es oft schwer für die Menschen, selbst den ersten Schritt zur Therapie zu gehen. Bei 77 der 181 Teilnehmer ist die Auswertung der Beratung bereits abgeschlossen. Unerwartet hoch ist mit 22 Prozent der Anteil an Menschen, die an Traumafolgen durch Unfälle oder sexuelle Übergriffe leiden.

„Ganz ehrlich, einen Job bekomme ich dadurch auch nicht” sagt der Mann nach dem ersten Beratungsgespräch kritisch. Ganz so schlecht sieht es für ihn derzeit aber nicht aus.

So prognostiziert Roland Döhrn, Experte für Wachstum und Konjunktur am Institut für Wirtschaftsforschung in Essen: „Vom demographischen Gesichtspunkt her ist ein Fachkräftemangel zu erwarten - dadurch wird die Langzeitarbeitslosigkeit in den nächsten Jahren zurückgehen.”

Vielleicht braucht der ehemalige Aktienverkäufer dann bald schon keine psychologische Beratung mehr.

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