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Frankfurt/Main: Garantie nicht garantiert: Zertifikate zu komplex für Laien

Frankfurt/Main : Garantie nicht garantiert: Zertifikate zu komplex für Laien

Zertifikate sind ein hoch umstrittenes Produkt: „Sie gehören in jedes Depot”, meint Hartmut Knüppel, Geschäftsführender Vorstand des Deutschen Derivate Verbands (DDV) in Frankfurt. „Zertifikate gehören zu einer Produktkategorie, die wir nie aktiv empfehlen würden”, sagt dagegen Ralf Scherfling, Finanzexperte bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. „Es handelt sich um sehr komplexe und intransparente Produkte.”

Zertifikate sind sogenannte Inhaberschuldverschreibungen, also verzinsliche Wertpapiere. Ihr Kurs und damit ihre Rendite hängt meist von der Entwicklung anderer Wertpapiere, Indizes oder Branchen ab. So gibt es etwa einfache Zertifikate, die an den Börsenindex Dax gekoppelt sind. Kompliziertere Produkte versprechen etwa einen Kapitalschutz oder sollen durch einen sogenannten Hebel die Rendite erhöhen.

Laut dem Derivate-Verband ermöglichen Zertifikate auch Kleinanlegern, in nahezu alle Märkte zu investieren. „So können Privatanleger nicht nur in eine Vielzahl von Basiswerten wie Aktien oder Indizes, sondern kostengünstig auch in Strategien, Branchen oder Regionen investieren”, sagt DDV-Vorstand Knüppel. Doch die Produkte haben auch ihre Schattenseiten, wie Verbraucherschützer Scherfling erklärt: „Das größte Risiko ist das Emittentenrisiko. Wenn der Emittent - der Herausgeber eines Zertifikats also - pleitegeht, ist mein Geld weg.”

Der Anleger habe kaum Chancen, vorab das Risiko einzuschätzen: „Schließlich können auch vermeintlich seriöse Banken plötzlich in die Insolvenz gehen, wie der Fall Lehman Brothers gezeigt hat.” Die US-amerikanische Lehman-Bank war 2008 im Zuge der Finanzkrise pleitegegangen. In der Folge machten auch zahlreiche deutsche Anleger Verluste, die Lehman-Zertifikate besaßen.

Neben dem Emittentenrisiko kommt noch ein weiteres Problem hinzu, wie Jürgen Kurz, Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) in Düsseldorf, erklärt: „Man muss schon eine Marktmeinung haben.” Der Anleger muss also, wenn er etwa in einen bestimmten Index, eine Branche oder eine Region investiert, sich Gedanken darüber machen, wie sich der jeweilige Markt wohl in Zukunft entwickeln wird.

Für unerfahrene Finanz-Laien, die sich nicht täglich mit Börsenkursen und Bilanzen beschäftigen, ist das nicht ganz einfach. „Sie müssen schon Ahnung haben”, sagt Kurz. „Das ist bei vielen Anlegern nicht der Fall.”

Vor allem mit Garantie- oder Kapitalschutz-Zertifikaten versuchen die Banken in Zeiten von Schulden- und Finanzkrise, Kunden in einen vermeintlich sicheren Hafen zu lotsen. Branchenvertreter Knüppel weist darauf hin, dass sich die Rendite dieser besonderen Zertifikate seit 2006 bis Ende 2012 erheblich besser entwickelt habe als der europäische Index Euro Stoxx 50, der im gleichen Zeitraum um etwa sechs Prozent ins Minus gerutscht sei. „Und Kapitalschutz-Zertifikate schonen die Nerven auch in unsicheren Börsenzeiten, da die Anleger am Laufzeitende mindestens den Nennwert zurückerhalten”, so Knüppel.

Anlegerschützer bewerten die Produkte deutlich nüchterner. „Man sollte sich da nicht von schönen Namen irritieren lassen”, meint Jürgen Kurz: „Garantie klingt immer schön.” Aber tatsächlich bergen auch solche Produkte Risiken. Denn auch hier gibt es wieder das Emittentenrisiko, wie Ralf Scherfling erklärt. „Eine Garantie ist immer nur so gut wie der Herausgeber.” Außerdem werde die Garantie oft nur zugesichert, wenn der Anleger das Zertifikat bis zum Ende der Laufzeit hält, sagt der Verbraucherschützer. „Verkauft man das Zertifikat vorher, muss man meist Abschläge hinnehmen und das Kapital bleibt eben nicht in jedem Fall erhalten.”

Wer sein Kapital auf jeden Fall erhalten möchte, hat andere Möglichkeiten der Geldanlage. Finanzexperte Scherfling empfiehlt, das Kapital als sogenannte Einlage anzulegen, etwa auf einem Tagesgeld- oder Festgeldkonto. Das bringt zwar bei dem derzeitigen Zinsniveau nicht gerade hohe Renditen, aber dafür immerhin Sicherheit.

„Für solche Einlagen gilt im Insolvenzfall auf der einen Seite bei privaten Banken die gesetzliche Einlagensicherung - bis zur Höchstgrenze von 100 000 Euro pro Person - sowie die freiwillige Einlagensicherung”, erklärt Scherfling. Und auch bei Sparkassen und Genossenschaftsbanken sind die Einlagen der Anleger laut Scherfling geschützt. Hier gilt die Institutshaftung: das gegenseitige Versprechen, ein Partnerinstitut zu retten.

Es gibt inzwischen ein sehr breites Spektrum an Zertifikaten. Sie zeichnen sich durch eine unterschiedliche Komplexität aus. Je komplexer die Produkte strukturiert sind, umso gefährlicher wird es für den unerfahrenen Anleger.

Besonders haarig wird es aus Expertensicht bei sogenannten Hebel- oder auch Knock-Out-Zertifikaten: „Geht der Kurs in die richtige Richtung, mache ich sehr viel mehr Gewinn”, erklärt Scherfling das Prinzip dieser Variante. „Geht er hingegen in die falsche Richtung, mache ich auch sehr viel mehr Verlust - bis hin zum Totalverlust.” Von solchen Anlageformen rät auch Anlegerschützer Kurz dringen ab: „Die sind für den Privatanleger gar nichts.”

(dpa)