1. Leben

Von Sudoku bis „Wordle“: Für Stefan Heine besteht (fast) das ganze Leben aus Rätseln

Von Sudoku bis „Wordle“ : Für Stefan Heine besteht (fast) das ganze Leben aus Rätseln

Jeder dritte Deutsche tut es mindestens ein Mal im Monat: Rätselraten. Über Kreuz, mit Schweden, nur mit Zahlen oder nur mit Buchstaben. Der Markt boomt. Ein Rätsel? Für Stefan Heine nicht. Davon profitieren jetzt auch die Leserinnen und Leser unserer Webseiten.

Frage: Kennen Sie einen Hamburger – also einen realen Menschen, keine Frikadelle – mit elf Buchstaben? Erster Versuch: Uwe Seeler. Falsch, sind nur neun Buchstaben. Dann Dieter Bohlen. Auch falsch, ein Buchstabe zu viel. Außerdem kommt der Mensch aus Tötensen. Letzte Chance: Olaf Scholz. Ein Buchstabe zu wenig. Schwierig.

Dabei liegt die Antwort quasi auf der Hand. Wenn man sich gerne mit Rätseln beschäftigt. Was jeder dritte Deutsche mindestens einmal im Monat macht, viele mehrfach in der Woche und nicht wenige jeden Tag – Hartgesottene sicher auch nachts. Ein klassischer Fall von Suchtfaktor. Es bleibt immer noch rätselhaft.

Wenden wir uns also dem Lösungswort zu: Stefan Heine. Elf Buchstaben. Passt. Sie kennen ihn nicht? Ein Fehler. Den wir gerne korrigieren. Nicht alles im Leben soll ein Rätsel bleiben.

Stefan Heine wird quasi in einem Atemzug mit Franziskus genannt. Der eine ist für die katholische Kirche zuständig, der andere – eben – für Rätsel. Sein inoffizieller Titel: Rätselpapst. Das soll jetzt nicht blasphemisch erscheinen, der Begriff ist nicht selbstgewählt, sondern angetragen. Weil er wie kein anderer umschreibt, welches Alleinstellungsmerkmal Stefan Heine auszeichnet. Er steht wie kaum ein anderer für das Thema Rätsel, er produziert sie am laufenden Band, wenn man denn das analoge Bild nehmen will.

Aber analog ist nur die eine Seite des Lebens, digital Rätsel lösen boomt. Das Portfolio von Heines Rätselimperium reicht vom Kinderrätsel in Buchform über Rätselkalender bis hin zu Zeitschriften- und Zeitungsrätseln – klassisch auf Papier gedruckt und digital im Netz: Millionen Rätsel verlassen seine Denkwerkstatt in Hamburg im Jahr. Verlage landauf und landab veröffentlichen seine Rätsel oder stellen sie online. Auch unsere Zeitung setzt digital auf Heines Rätselportfolio. Von „Wordle“ bis Sudoku – online täglich frisch aus der Hamburger Ideenschmiede.

Es mag manchem ein Rätsel bleiben, wie man erst zum Rätseln kommt und dann zum Rätselmacher wird. Es ist nicht die Mär vom Tellerwäscher, der die Karriereleiter emporklettert. Es hat vielmehr mit der Begeisterung zu tun, sich selbst und anderes auszuprobieren. Eigentlich hatte Heine mit einem Kumpel ein Marktforschungsinstitut gegründet. Nur so nebenbei boten sie Verlagen Texte aus einem „Kummerkasten“ an, die in ihren Besitz gelangt waren. Lebensberatung seicht gemacht. Das funktionierte. Dann kamen Horoskope dazu, freie Literatur sozusagen, ohne jeden astrologischen Anspruch. Pure Unterhaltung eben. Den Leuten geben, was sie lesen wollen. Man muss halt Ideen haben – dann ist der Erfolg nicht rätselhaft.

Die klassischen Rätsel kamen in Stefan Heines Arbeits- und Lebenswelt dann kurze Zeit später dazu. Noch in Handarbeit. Ein zeitaufwändiges Unterfangen. Heute hilft Kollege Computer dank entsprechender Software, das Rätsel im wahren Wortsinn zur Massenware zu machen. Mit entsprechendem und immer auf aktuellem Stand gehaltenen Datenmaterial gefüttert, garantiert der digitale Mitarbeiter einen schier unendlichen Fundus an (fast) unendlich vielen verschiedenen Rätseln. Noch Fragen?

Ja, diese: Was macht die Faszination Rätsel aus? Ganz einfach, sagt Heine. Es ist ein Freizeitspaß, ein Zeitvertreib, der die Seele baumeln lässt. Oder lassen kann. Denn wenn ein Rätsel einen wissenstechnisch aufs Kreuz legt, kann die Laune schon einmal in den Keller gehen. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum manche eben vom Rätselraten zurückschrecken. Weil sie Angst haben, ihre eigene Unzulänglichkeit (meist eher Ungeduld) dokumentiert zu wissen.

Und vielleicht ist das auch der Grund für den Siegeszug eines anderen Rätsels: Sudoku. „Man braucht kein Wissen“, bringt es Heine auf den Punkt. Aber: Man muss schon wissen, wie es funktioniert. Das Jonglieren mit neun Zahlen in jeweils neun Kästchen bedarf einer gewissen logischen Kompetenz. Aber man muss sich eben nicht den Kopf über Fragen wie diese zerbrechen: Wie viele Jahre dauerte der 30-jährige Krieg...

Gedauert hat es auch, bis der Siegeszug des Sudokus begann. Denn die ersten Versuche Heines, Sudokus in Deutschland den Verlagen schmackhaft zu machen, waren wenig erfolgreich. Während ganz England, dort hatte Heine Sudoku kennengelernt, vom Virus Sudokuensis befallen war, interessierte das hierzulande zunächst keinen Menschen. Was sich bald änderte und Heine mit Verzögerung auch hier geschäftlichen Erfolg bescherte.

Und nicht nur den: Der 53-Jährige ist seit längerer Zeit Teamchef der deutschen Sudoku-Nationalmannschaft. Natürlich betitelte ihn damals ein findiger Journalist sofort als „Jogi Löw des Sudokus“. Ersetzen wir Jogi durch Hansi und Löw durch Flick – und schon sind wir sudokumäßig auf dem aktuellen Stand. Heine hofft, dass nach der Corona-Pause in diesem Jahr wieder eine Weltmeisterschaft stattfinden kann. In Krakau sollen rund 400 Sudoku-Meister an den Tischen sitzen.

Apropos Corona: Die Pandemie war ein wahrer Booster für Rätselspaß. Um 30 Prozent ist die Zahl der Kniffler und Tüftler gestiegen, womit wir wieder bei Heines Credo sind: Rätsel sind angenehmer Zeitvertreib, lassen einen abschalten. Die Antwort zum Beispiel auf diese Frage: Unangenehmer Zustand mit acht Buchstaben? Lockdown! Rätsel waren für viele Menschen das passende Gegenmittel zum unfreiwilligen Verzicht auf soziale Kontakte. Der Rätselspaß ist geblieben, das Virus leider auch. Das ist kein Rätsel, sondern Realität. Und ein anderes Thema...