Köln/Wiesbaden: Weihnachten zwischen den Stühlen

Köln/Wiesbaden: Weihnachten zwischen den Stühlen

Mutter, Vater, Kind und Baum - das Idealbild der Familienweihnacht ist recht übersichtlich. Mit einer Patchworkfamilie lässt sich diese traute Ordnung allerdings kaum realisieren.

„Weihnachten ist für Patchworkfamilien eine große organisatorische Herausforderung”, sagt Matthias Ochs, Psychologischer Psychotherapeut und Systemischer Familientherapeut aus Wiesbaden. Schon die Koordination der verschiedenen Familienmitglieder und die oft langen Fahrtstrecken zwischen den Wohnorten sorgten für Stress. Hinzu kämen vor allem bei denen, die sich erst vor kurzem getrennt haben, emotionale Turbulenzen: „Häufig brechen an Weihnachten die Konflikte zwischen getrennten Partnern wieder auf”, sagt der Diplom-Psychologe. Dann stelle sich mancher bei der Planung der Feierlichkeiten quer, nur um dem anderen eins auszuwischen.

„Das Problem ist, dass viele Patchworkfamilien krampfhaft dem klassischen weihnachtlichen Familienidyll nacheifern”, sagt die Kölner Diplom-Psychologin und Patchwork-Expertin Katharina Grünewald. Oft wirke es befreiend, wenn man sich von diesen Erwartungen löse und sich eingestehe, dass Weihnachten in so einer Familienkonstellation nun mal etwas anders abläuft.

Unkonventionelle Lösungen zulassen

„Patchworkfamilien sollten sich die Freiheit für individuelle, unkonventionelle Lösungen nehmen”, betont auch Ochs. Wichtig sei, dass bei allem das Wohl der Kinder im Vordergrund stehe. „Will beispielsweise die Tochter nun mal lieber mit Mama und den Großeltern feiern, sollte der Vater nicht darauf bestehen, dass aber dieses Jahr er an der Reihe ist”, sagt der Koautor des Ratgebers „Familie geht auch anders”.

„Ein großes Problem für Patchworkfamilien ist die enorme Zuspitzung aller Pläne auf die Weihnachtsfeiertage”, sagt Katharina Grünewald. Am liebsten wolle jeder den anderen an Heiligabend sehen - das sorge schnell für logistische Probleme. Sie empfiehlt, den Zeitrahmen für das Weihnachtsfest einfach etwas zu lockern. Beispielsweise könne man mit einem Teil der Familie schon ein Wochenende vor Weihnachten die Bescherung machen. Oder man verabrede sich mit den Großeltern für Silvester, um Weihnachten nachzufeiern.

Weihnachten mal ganz anders verbringen

Auch bei der Gestaltung der Feier kann man neue Wege gehen. „Alleinerziehende könnten beispielsweise Freunde oder Nachbarn fragen, ob sie mit ihnen feiern möchten”, sagt Grünewald. Für andere könne es eine gute Idee sein, den ganzen Druck abzuschütteln, indem sie Weihnachten verreisen.

Die Expertin rät davon ab, aus Unsicherheit heraus die Kinder zu fragen, wie das Fest ablaufen soll. Ein Kind sei damit überfordert, diese Verantwortung zu tragen. „Stattdessen sollten die Eltern eine klare Linie fahren und ihren Kindern dadurch Sicherheit vermitteln”, sagt Grünewald.

Keine heile Welt vorgaukeln

Manche Kinder wünschen sich, wie früher mit Mama und Papa zu feiern - obwohl diese sich inzwischen spinnefeind sind. Solche Arrangements seien häufig für alle Beteiligten eine Mogelpackung, warnt die Psychologin. „Die Kinder spüren, dass die Erwachsenen angespannt sind.” Sie empfiehlt Eltern daher, auch hier ihrem eigenen Gefühl zu folgen. Habe man seit der Trennung ein freundschaftliches Verhältnis, könne es durchaus möglich sein, in der alten Familienkonstellation zu feiern. „Dabei geht es dann nicht darum, den Kindern eine heile Welt vorzugaukeln”, sagt Matthias Ochs. Es müsse klar sein, dass Mama und Papa trotzdem weiterhin in verschiedenen Häusern leben werden. Feiern die Kinder an Heiligabend nur mit einem der beiden Elternteile, können sie das oft nicht richtig genießen. „Viele haben dann ein schlechtes Gewissen, weil sie Mama oder Papa alleine gelassen haben. Sie fühlen sich wie Verräter”, sagt Grünewald. Sie empfiehlt, solche Sorgen im Vorfeld anzusprechen. „Ideal ist, wenn man dem Kind sagen kann: Ich sorge dafür, dass es mir an Weihnachten gut geht, und du solltest dafür sorgen, dass du die Feier genießen kannst.”

„Man sollte sich schon vorher klar machen, dass es nicht möglich sein wird, alle Erwartungen an dieses Fest zu erfüllen”, sagt Grünewald. Falls vor allem die Kinder traurig sind, weil Weihnachten nicht so abläuft wie früher, sollte man dafür Verständnis zeigen. „Man kann sich gemeinsam mit ihnen an die schönen Weihnachtsfeste erinnern, als Mama und Papa noch zusammen lebten - und gemeinsam darum trauern, dass diese Zeiten vorbei sind”, sagt Grünewald. Dann gelte es aber, den Blick nach vorne zu richten und zu schauen, welche Möglichkeiten das diesjährige Weihnachtsfest zu bieten hat.