1. Leben
  2. Familie

Stuttgart: Weg mit den Stolperfallen: Stürze im Alter verhindern

Stuttgart : Weg mit den Stolperfallen: Stürze im Alter verhindern

Manchen Älteren wird plötzlich schwindelig, andere sehen schlecht oder sind schwach auf den Beinen. Wieder andere stolpern über eine Teppichkante oder fallen im Dunkeln über den abgestellten Wäschekorb. Es gibt viele Gründe, warum Menschen stürzen - und viele Ansätze, um dies zu verhindern.

Wissenschaftler haben die Wirksamkeit unterschiedlicher Interventionen genauer überprüft. Ihr Ergebnis: Es gibt keine Strategie, die generell vor Stürzen schützt - aber Hinweise, was einzelnen Menschen helfen kann.

Ein hohes Risiko zu stürzen, haben vor allem zwei Gruppen: „Zum einen sind das Menschen, die erhebliche Einschränkungen haben, zunehmende Schwäche in den Beinen und beim Gleichgewicht”, erklärt Clemens Becker, Leiter der Bundesinitiative Sturzprävention. Zum anderen seien aber auch Menschen gefährdet, die sehr aktiv sind und „manchmal verrückte Dinge machen, die sie vielleicht früher konnten, aber heute nicht mehr so gut beherrschen”.

Gefährdet können aber auch Menschen sein, die schlecht sehen, etwa wegen einer Makuladegeneration, sagt Becker, der als Chefarzt an der Klinik für Geriatrische Rehabilitation am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart arbeitet. Stark beruhigende Medikamente, die die Reaktionsfähigkeit einschränken, könnten ebenfalls zu Stürzen führen. Ein häufiges Problem ist außerdem die geteilte Aufmerksamkeit: „Wir nennen es die Dual-Task-Situation, wenn man versucht, zwei, drei, vier Dinge gleichzeitig zu tun und dabei vielleicht die Gangsicherheit vergisst.”

Schätzungen zufolge stürzen 30 von 100 Männern und Frauen über 65 Jahren einmal im Jahr, schreibt das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Köln auf dem Verbraucherportal gesundheitsinformation.de. Die meisten Stürze gehen glimpflich aus: Weniger als einer von zehn Stürzen führt zu einem Knochenbruch.

Sind Hüfte oder Oberschenkel betroffen, kann das jedoch gravierende Folgen haben. Es wird davon ausgegangen, dass 40 Prozent der Verletzungen nach einem Sturz zu einer stationären Langzeitversorgung führen, heißt es in einem Bericht, den das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) in Köln herausgegeben hat. Das heißt: Die Betroffenen verlieren ihre Selbstständigkeit und müssen über lange Zeit in einem Krankenhaus oder in einem Pflegeheim versorgt werden.

Es gibt zahlreiche Ansätze, die Stürze verhindern helfen sollen: Bewegungsprogramme, eine Anpassung der Wohnung, spezielle Schulungen und mehr. Wissenschaftler des internationalen Forschungsnetzwerks Cochrane Collaboration haben internationale Studien ausgewertet, in denen solche Interventionen auf ihre Wirksamkeit hin überprüft werden.

Nützlich sind den Forschern zufolge vor allem Bewegungsangebote, bei denen die Teilnehmer Kraft, Balance, Ausdauer und Flexibilität trainieren. Dabei ist es egal, ob man in einer Gruppe oder alleine zu Hause übt. Auch Tai Chi kann das Sturzrisiko senken.

„An allererster Stelle steht das Trainieren von Gleichgewicht und Kraft. Damit kann man sehr viel erreichen”, sagt Clemens Becker. Wichtig sei, dass man regelmäßig trainiert. Wer sich dazu nicht durchringen kann, sollte einen Kurs besuchen, der sich über mindestens drei, besser über sechs Monate erstreckt, rät die Bundesinitiative Sturzprävention.

Solche Bewegungsprogramme seien aber nicht für alle Menschen sinnvoll, schränkt die Pflegepädagogin Katrin Balzer vom Institut für Sozialmedizin der Universität Lübeck ein. Sie wertete für das DIMDI gemeinsam mit Kollegen Studien zur Sturzprophylaxe aus. „Solche Trainings können das Sturzrisiko bei rüstigen Senioren senken.” Gebrechliche Menschen würden dagegen - bezogen auf das Sturz- und Verletzungsrisiko - eher nicht profitieren.

Das Gegenteil gilt für die Anpassung der Wohnumgebung. Bei solchen Angeboten kommt ein Experte nach Hause, schaut sich die Wohnung an, weist auf Hindernisse und Stolperfallen hin und gibt Tipps zur Umgestaltung. Diese Form der Intervention kann helfen, das Sturzrisiko bei älteren, gesundheitlich stark beeinträchtigten Menschen zu senken, ergab der DIMDI-Bericht. Bei Gesunden zeigte sich in den ausgewerteten Studien kein Nutzen.

Welche Intervention wem nützt, hänge stark von der individuellen Situation ab, sagt Balzer. Wer Angst vor Stürzen hat oder bereits gefallen ist, sollte zuerst den Hausarzt aufsuchen, rät sie. „Der Arzt kann klären, was die Ursache für den Sturz war und die Behandlung darauf ausrichten.”

Menschen, die sehr schwach auf den Beinen sind, brauchen unter Umständen ein gezieltes Krafttraining. Wem ständig schwindelig wird, der sollte die Ursachen dafür klären lassen und versuchen, sie zu behandeln. Menschen mit grauem Star können der Cochrane-Übersicht zufolge ihr Sturzrisiko senken, wenn sie das zuerst betroffene Auge operieren lassen.

Wer viele verschiedene Medikamente einnimmt, sollte eine Übersicht erstellen und sie dem Hausarzt zeigen. Denn manche Medikamente können allein oder in Wechselwirkung mit anderen Arzneien das Sturzrisiko erhöhen, ergaben die ausgewerteten Studien. Möglicherweise können Senioren manche Medikamente weglassen oder gegen andere - weniger problematische - ersetzen.

Wichtig ist aber auch, nicht zu viel Angst vor Stürzen zu haben. Wer sich ständig davor fürchtet, stürzt tatsächlich häufiger. Denn oft verhalten sich diese Menschen genau falsch: Sie ziehen sich zurück, bewegen sich weniger, bauen körperlich ab - und fallen dadurch häufiger.