Bremen: Vom süßen Fratz zum tobenden Etwas: Wenn das eigene Kind fremd wird

Bremen: Vom süßen Fratz zum tobenden Etwas: Wenn das eigene Kind fremd wird

Hormonschübe und Ego-Trips: Mit Beginn der Pubertät erkennen Eltern häufig ihren Nachwuchs nicht wieder. Aus kindlicher Nähe wird jugendliche Distanz.

„Boah Mama, du hast echt keine Ahnung”, sagt der 13-jährige Max aus Hannover, als seine Mutter Manuela ihm im Geschäft die blauen Schnürschuhe zeigt: „Sowas trägt doch kein Mensch!” Seit einigen Wochen ist Max wie ausgewechselt. „Als hätte man einen Schalter umgelegt”, erzählt Manuela, die schwer genervt ist. „Er benimmt sich wie die Axt im Wald.”

„Das ist ganz normal”, beruhigt Christoph Schmidt, Diplom-Pädagoge an der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in Groß-Gerau (Hessen). „In der Pubertät stellen die Kids alles auf den Prüfstand, vor allem die Eltern.” War bis zum 12. oder 13. Lebensjahr noch alles in Butter, bockt der pubertierende Nachwuchs plötzlich wie ein störrisches Pony. Seltsame Frisuren, schräge Musik, neue Freunde, verrückte Klamotten oder extreme Meinungen: „Die Bandbreite der möglichen Veränderungen ist groß”, sagt Schmidt. Und viele Eltern können kaum glauben, was sie jetzt erleben: „Ich habe manchmal das Gefühl, Max ist nicht mehr der gleiche Junge”, sagt Manuela.

„Die Pubertät stellt das Innenleben der Jugendlichen auf den Kopf”, erklärt Karin Hauffe-Bojé, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bremen. Hormonschübe, Veränderungen im Gehirn, das Streben erwachsen und selbstständig zu werden: „Unter all diesen Veränderungen haben sich die Kids selbst nicht mehr im Griff.” Sie machen Sachen, die ihre Eltern nicht verstehen können. „Und auch gar nicht verstehen müssen”, findet Thomas Quetschlich, Diplom-Psychologe aus München. „Kinder wollen zu einer eigenen Persönlichkeit werden.” Dafür müssten sie sich ab und zu von den Eltern abgrenzen.

Karin Hauffe-Bojé bedauert, dass es für den Schritt in die Erwachsenenwelt keine gesellschaftlichen Rituale gibt: „Initiationsriten würden die Sache sicher erleichtern.” Während früher junge Wilde zum Büffeljagen geschickt wurden, müssen Jugendliche heute andere Wege finden, um ihre Kräfte zu messen. „Eltern sollten einfach mal in ihre eigene Jugend schauen und sich erinnern, wie es bei ihnen war”, rät die Ärztin zu mehr Verständnis.

Keinen Bock mehr auf Familienausflüge, die Zimmertür immer fest verschlossen: „Viele Jugendliche ziehen sich stark zurück”, beobachtet Christoph Schmidt. „Die brauchen einfach Zeit für sich.” Eltern rücken ihren Kindern jetzt besser nicht zu hartnäckig auf die Pelle, rät der Pädagoge. Trotzdem wollen Eltern natürlich wissen, wie es ihrem Kind geht, wie es in der Schule und mit Freunden läuft. „Deshalb sollten sie selbst dafür Sorge tragen, dass der Kontaktfaden nie ganz abreißt” - selbst nach Streit und Kränkungen nicht.

„Auch wenn die Jugendlichen sich sehr ablehnend verhalten, im Grunde wünschen sie sich, dass ihre Eltern sich interessieren”, sagt Hauffe-Bojé. Um den Kontakt zu halten, rät Schmidt zur „fürsorglichen Belagerung”: „Setzen Sie sich auf die Bettkante, fragen Sie nach, ohne zu nerven, zeigen Sie Ihrem Kind Ihr aufrichtiges Interesse.” Die Balance zwischen interessiert sein und rumnerven sei zwar nicht ganz leicht zu finden, kann aber gelingen: „Lassen Sie sich nicht provozieren, quatschen Sie Ihr Kind nicht voll, vermeiden Sie Vorwürfe oder Vorhaltungen.”

Distanz, da sind sich alle Experten einig, lasse sich nur mit viel Sensibilität seitens der Eltern abbauen. „Akzeptieren Sie diese Phase als Notwendigkeit für die Entwicklung Ihres Kindes, anstatt sich ständig darüber zu ärgern”, rät Hauffe-Bojé.

Doch bei allem Verständnis gilt es, weiterhin klare Regeln einzufordern: „Lassen Sie sich nicht auf der Nase herumtanzen”, warnt Quetschlich. Nur weil der rebellische Nachwuchs „keine Böcke auf Familie” hat, dürfe das Mittagessen noch lange nicht im Zimmer gegessen werden. „Da sollten Eltern eine klare Linie fahren, aber ohne dabei sauer zu werden.”

Wenn das eigene Kind wirklich zum Terroristen mutiert, sollten sich Eltern nicht scheuen, Hilfe zu holen: „Sagen Sie Ihrem Kind, dass Sie es nicht mehr wiedererkennen und sich Sorgen machen”, rät Hauffe-Bojé. Der erste Schritt sei, mit dem Nachwuchs zu sprechen. „Aber ohne Vorwürfe oder Drohungen!” Im zweiten Schritt folgt der Kontakt zu anderen Eltern, Freunden oder Familienangehörigen. „Fragen Sie die anderen, wie sie die Situation erleben.” Auch ein Treffen mit Lehrern könne weiterhelfen: „Jeder Schritt sollte aber in Absprache mit dem Kind geschehen, um das Vertrauen nicht zu gefährden.”

Auch kleine Trotzköpfe strapazieren Eltern

So klein, so süß und plötzlich so teuflisch: Oft reicht schon ein Bonbon an der Supermarktkasse, um aus einem niedlichen Dreijährigen ein wütendes Monster zu machen. „Im Trotzalter erwacht das Ego, Kindern probieren ihre Grenzen aus”, erklärt Karin Hauffe-Bojé, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychatrie in Bremen. „Dann haben viele Eltern das Gefühl, ihr Kind nicht mehr wiederzuerkennen.”

So anstrengend ein Trotzanfall auch ist, eigentlich ist er ein gutes Zeichen: „Nur Kinder, die sich wirklich sicher sind, dass ihre Eltern nicht weggehen, machen so etwas.” Da sein, gelassen und ruhig bleiben - so lautet die Devise trotz strapazierter Nerven: „Wer jetzt ausrastet, zieht es nur in die Länge.”

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