Hamburg/Essen: Verzeihen rettet die Liebe

Hamburg/Essen: Verzeihen rettet die Liebe

Es sind nur drei Worte: Ich verzeihe Dir. Sie über die Lippen zu bringen, ist für etliche Menschen allerdings eine seelische Höchstleistung.

Viele schaffen es trotz bester Vorsätze nicht. „Dabei ist es für eine Partnerschaft elementar wichtig, einander vergeben zu können”, sagt der Autor des Buchs „Verzeihen in der Liebe”, Michael Cöllen. „Wer das nicht kann, scheitert schon bald.”

Keine Liebe sei frei von Kränkungen und Verletzungen. Das fange bei alltäglichen Meinungsverschiedenheiten an und gehe schlimmstenfalls bis hin zum Seitensprung, „Das muss man realistisch sehen - alles andere ist naiv”, sagt der Diplom-Psychologe aus Hamburg. Daher müsse man sich klarmachen: „Liebe gelingt nur, wenn die Fähigkeit zum Verzeihen erworben wurde.” Selbstverständlich gerate auch das Verzeihen an Grenzen, nämlich dort, wo Gewalt oder Missbrauch anfangen, oder wenn das Verzeihen zum wiederholten Mal ausgenutzt wird.

Dem anderen zu vergeben, komme nicht nur der Partnerschaft zugute, sondern vor allem auch der eigenen Gesundheit, hält Cöllen fest. „Nachtragende Gedanken, Enttäuschung, Verbitterung, Wut oder gar Hass bringen uns aus dem inneren Gleichgewicht und können sogar auf unser körperliches Befinden schlagen.” Cöllen weiß, dass Verzeihen alles andere als einfach ist. Viele Menschen seien schlicht unfähig dazu, so sehr sie es sich auch wünschten. Statt dessen reagierten sie starrsinnig, schweigend und grollgeladen, aggressiv, oder sie flüchteten. „Sie haben das Verzeihen in ihrem Leben einfach nicht gelernt”, erklärt Cöllen. Die Ursache dafür sieht der Psychologe im europäischen Kulturkreis, in dem das Verzeihen als soziale Kompetenz vernachlässigt werde.

Worte alleine machen noch keine Verzeihung. „Das ist ein Reifungsprozess”, erläutert Cöllen. Dieser koste Selbstüberwindung, seelische Kraft, Mut und einen Verzicht des Egos. Voraussetzung sei zunächst allerdings die Einsicht, dass der Partner nicht vollkommen ist, merkt Paartherapeutin Ulla Diallo aus Essen an: „Man kann sich nur der Liebe hingeben, wenn man auch die Fehlerseiten des Partners annimmt.” Zwischen Kränkung und Gespräch sollten Paare nach Ansicht Diallos ein wenig Zeit verstreichen lassen. „Jeder muss prüfen, ob er verzeihen kann - und das darf durchaus Tage oder Wochen dauern.” Solange der Tiefschlag innerlich nicht überwunden sei, solle man sich keineswegs drängen lassen. Abzuwarten bringe zudem den Vorteil mit sich, dass die Bereitschaft zum Dialog höher sei, wenn sich die Gemüter besänftigt haben. „Die Worte Ich verzeihe Dir müssen wirklich aus dem Herzen kommen”, unterstreicht die Paartherapeutin.

Cöllen stellt immer wieder fest, dass Partner zu leichtfertig verzeihen. Das Gefährliche daran: „Dieses oberflächliche Verzeihen ist bei genauem Hinsehen ein gekränktes Nachgeben, um Konflikten auszuweichen”, erläutert er. Wer nicht streiten könne, könne allerdings auch nicht vergeben. Harmoniesüchtige Menschen erweckten den Eindruck, als verziehen sie - tatsächlich aber schluckten sie ihren Frust und Schmerz und rechneten ihn innerlich auf. Damit das intime Verhältnis zwischen den Partnern tatsächlich wieder hergestellt werden könne, müsse das Paar offen und ohne Scheu über die Kränkung sprechen, rät Cöllen. „Der Verletzte muss seinen Schmerz mitteilen, ohne einen Gegenangriff zu starten - der Kränkende muss das begreifen und würdigen.”

Im nächsten Schritt gehe es darum, frühere Verletzungen preiszugeben. „Kränkendem Verhalten liegen meist Enttäuschungen zugrunde, die weit zurückliegen”, sagt Cöllen. Paare, die diesen unheilvollen Zusammenhang erkennen, sehen plötzlich, dass sie sich immer wieder kränken und nach welchen Mustern dies geschieht. Nun könnten sie gemeinsam einen Ausweg suchen und diesen mit Vorsätzen abstecken. Schließlich bleibe noch der Kraftakt, diese umzusetzen und somit die Beziehung neuzugestalten. „Die Kunst des intimen Dialogs zu kultivieren, versetzt Paare nicht nur in die Lage, sich zu verzeihen und zu versöhnen, sondern trägt dazu bei, tiefgreifende Kränkungen zukünftig zu vermeiden”, fasst Paartherapeutin Diallo zusammen. Wer sich nicht zu einem direkten Gespräch überwinden könne, solle seine gekränkten Gefühle zunächst in Form eines Briefs niederschreiben, empfiehlt Michael Cöllen.

Oft reiche es, diesen nur für sich selbst zu schreiben - ohne ihn zu übergeben. Und bevor man im Angesicht des anderen „Ich verzeihe Dir” sage, könne man diese Situation mit einem Bild der betreffenden Person üben.