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München: Testament schlägt Familienrat - Streit ums Erbe verhindern

München : Testament schlägt Familienrat - Streit ums Erbe verhindern

Bei Geld hört die Freundschaft auf, sagt der Volksmund. Und Geld macht auch vor der Verwandtschaft nicht Halt: Der Streit ums Erbe hat schon manche Familie zerrüttet. Eine entscheidende Ursache sind unausgesprochene Konflikte unter den Angehörigen, die Jahre im Verborgenen schwelen und ausbrechen, wenn der letzte Elternteil gestorben ist.

Hinzu kommt häufig ein Testament, das offen lässt, wie der Nachlass genau verteilt werden soll.

„Die juristische Ursache für einen Erbstreit ist ein unklares, laienhaftes Testament”, sagt Anton Steiner, Präsident des Deutschen Forums für Erbrecht (DFE) in München. Aus psychologischer Sicht seien es oft nicht aufgearbeitete Familiengeschichten. Steiner kennt viele solcher Fälle. Da sind die Geschwister, die nach dem Tod der Eltern Dinge austragen, die sie schon seit dem Kindergarten begleiten. „Da fallen Sätze wie: Du bist sowieso immer bevorzugt worden.” Oder die Kinder sind sauer auf die Stiefmutter, weil sie der Grund dafür war, dass der Vater die Mutter verlassen hat. „Deshalb gibt es bei der Erbengemeinschaft oft keine Gnade.”

Solche Konflikte in einer Art Familienrat lösen zu wollen, ist zwar ein ehrenwertes Vorhaben - aber oft zum Scheitern verurteilt, wie Steiner weiß. „Vieles hat sich über Jahre aufgestaut, da wird es schwer ohne professionelle Hilfe.” Je älter die Menschen seien, umso weniger könnten sie die Probleme aufarbeiten. „Das ist einem 75-Jährigen oft nicht mehr zuzumuten.” Der Versuch führe eher dazu, dass sich der Erblasser den Streit zu Lebzeiten ins Haus holt.

Besser ist ein gutes Testament. „Das ist umso wichtiger, je schwieriger die Familienverhältnisse sind”, sagt Steiner. Es gebe immer mehr Patchwork-Familien mit Kindern aus erster Ehe oder mit unehelichen Kindern. Teils fehlten familiäre Bindungen, oft gebe es ein grundlegendes Misstrauen. „Das ist eine schwierige Basis für eine Erbengemeinschaft.” Diese entsteht, wenn es kein Testament gibt. Jeder Miterbe kann dann zum Beispiel den Verkauf eines Hauses erzwingen, um sich auszahlen zu lassen.

„Ein gutes Testament schließt einen Erbstreit nicht immer aus, minimiert ihn aber ganz erheblich”, sagt auch Jan Bittler von der Deutschen Vereinigung für Erbrecht und Vermögensnachfolge (DVEV). Allerdings: Viele Testamente sind nicht eindeutig.

Grundsätzlich legt der Erblasser erst einmal eine Quote fest, nach der sein Nachlass unter den Erben aufgeteilt wird, erklärt Hubertus Rohlfing, Experte für Erbrecht beim Deutschen Anwaltverein (DAV). Dann kann er zusätzlich einzelne Gegenstände verteilen. „Aber das ist immer der zweite Schritt.” Weil die Quote und die Aufteilung der Gegenstände zueinander passen müssten, gebe es Streitpotenzial.

Eine Lösung: Der Erblasser setzt eine Person als Alleinerben ein, die anderen werden durch Vermächtnisse bedacht. „Die Tochter bekommt zum Beispiel die Ferienwohnung”, sagt Rohlfing. Der Alleinerbe hat die Pflicht, die Vermächtnisse zu erfüllen. Um Streit zu vermeiden, könne der Erblasser einen Testamentsvollstrecker ernennen, der die Erfüllung der Vermächtnisse vornimmt. „Das kann ein Verwandter oder der Steuerberater sein - auf jeden Fall eine neutrale Person.”

Der Erblasser muss entscheiden, ob ein Erbe einen Wertausgleich zahlen muss, sollte er mit höherwertigen Gegenständen bedacht worden sein. Rohlfing rät davon ab: Dieser Ausgleich führe wiederum oft zu Streit. „Sie kriegen nie absolute Gerechtigkeit hin.”

Natürlich sei es sinnvoll, vor dem Aufsetzen des Testaments zu sondieren, wer einmal was bekommen könnte, sagt Anton Steiner. Denn die Ferienwohnung in Südtirol interessiert den einen Erben vielleicht gar nicht so. „Ich würde aber dringend davon abraten, zusammen mit den Kindern das Testament auszuhandeln oder es den Kindern zu zeigen.” Es sei besser, nicht die Lösung im Detail zu präsentieren, damit lade man nur zur Kritik ein. „Die Eltern können sagen: Wir haben es so gemacht, wie wir es für richtig halten. Ihr könnt sicher sein, dass wir uns große Mühe gegeben haben, es gerecht zu machen”, erklärt Steiner.

Dass es eher schlecht sei, das Testament mit den Kindern zu verhandeln, gelte unabhängig von der Höhe des Vermögens, ergänzt Hubertus Rohlfing. Doch gerade wenn viel Vermögen verteilt werden müsse, komme es oft zu Streit. „Das ist die Gier.” Auch zur Beurkundung des Testaments sollte nur der Erblasser erscheinen. „Ich muss den Eindruck haben, dass es der freie Wille der Eltern ist”, sagt der Jurist. Gerade wenn diese schon älter seien, ließen sie sich leicht von ihren Kindern beeinflussen. „Ich schicke die Kinder immer raus.”

Um die ganze Angelegenheit etwas versöhnlicher zu gestalten, können die Eltern zusätzlich einen Erbenbrief schreiben. „Darin wird erläutert, warum die Besitztümer so oder so verteilt wurden”, erklärt Anton Steiner. „Denn das eigentliche Testament ist ein herzloses Dokument, das widerstrebt vielen.” In dem Beibrief kann zum Beispiel stehen: „Wir halten es für richtig, wenn unsere Tochter die Ferienwohnung bekommt, die sie mit ihren drei Kindern sowieso immer gerne besucht hat.”

Manchmal drängen Kinder ihre Eltern, schon vor deren Tod ein Teil des Erbes auszuzahlen. Wer das nicht will, sollte klare Aussagen treffen, rät Steiner: „Ich möchte mich vor meinem Tod noch nicht von Vermögen trennen.” Schlecht seien Ausreden, mit denen man das Problem vor sich herschiebe, zum Beispiel: „Vielleicht ändert sich die Gesetzgebung noch.” Das führe zu latenter Unzufriedenheit. Und enttäuschte Erwartungen seien schließlich die schlimmsten.

(dpa)