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Washington: Streben nach dem guten Ruf ist im Gehirn verankert

Washington : Streben nach dem guten Ruf ist im Gehirn verankert

Wer bei seinen Mitmenschen einen guten Ruf genießt, hat ihn sich meist hart erarbeitet und persönliche Interessen zumindest vorübergehend hintenangestellt.

Aus gutem Grund, denn kooperatives Verhalten zahlt sich letztendlich aus. Wie wichtig dieser Wesenszug für den Menschen ist, haben Schweizer Wissenschaftler nun nachgewiesen: Das Bestreben, kooperativ zu handeln und so zu einem guten Ruf zu gelangen, ist sogar im Gehirn verankert, im präfrontalen Cortex, um genau zu sein.

Zu dieser Erkenntnis gelangten die Forscher um Daria Knoch von der Universität Basel, nachdem sie Probanden an einem Strategiespiel teilnehmen ließen und bei einigen Teilnehmern den präfrontalen Cortex vorübergehend hemmten.

Diese waren nicht mehr in der Lage, auf kurzzeitige Vorteile zu verzichten - obwohl sie sich darüber im Klaren waren, dass ihnen der vorübergehende Verzicht langfristig einen erheblich größeren Vorteil verschafft hätte. Dies berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin „PNAS” (Bd. 106, Nr. 49, S. 20895).

Verhaltensforscher hatten bereits herausgefunden, dass es einen deutlichen Unterschied zwischen dem guten Ruf und dem Charakter eines Menschen gibt: Je stärker jemand unter Beobachtung steht, desto eher ist er auf seinen guten Ruf bedacht.

Ob jemand tatsächlich selbstlos handelt, zeigt sich nur, wenn er anonym agieren darf. Diese Erkenntnisse machte sich nun die Forscher um Daria Knoch zunutze: Sie wollten den weitgehend unbekannten neurobiologischen Hintergrund dieses Verhaltensmusters untersuchen.

Da kooperatives Handeln ein hohes Maß an Selbstkontrolle voraussetzt, vermuteten die Wissenschaftler, dass der präfrontale Cortex von elementarer Bedeutung für die notwendigen Entscheidungsprozesse ist: Diese Hirnregion spielt auch bei anderen Prozessen, bei der es um Selbstkontrolle geht, eine wichtige Rolle.

Um ihre Vermutung zu überprüfen, ließen die Forscher Probanden zu einen Strategiespiel antreten, bei dem es sowohl auf das eigene Kooperationsvermögen als auch auf das Vertrauen in die Kooperationsbereitschaft des Gegenübers ankam. Bei einigen Teilnehmern hemmten die Forscher mit Hilfe der sogenannten transkraniellen Magnetstimulation vorübergehend den rechten oder den linken präfrontalen Cortex.

In 15 Durchgängen erhielten je zwei Teilnehmer 10 Punkte, die später in Geld eingetauscht werden konnten. Diese Punkte konnten die Teilnehmer nun vermehren, wenn sie einige davon oder alle 10 an ihren Mitspieler abtraten - ohne allerdings zu wissen, ob dieser ihnen ihren Einsatz zurückgeben würde. Der Spielleiter belohnte diesen Vertrauensvorschuss, indem er jeden überwiesenen Punkt vervierfachte: Überwies Teilnehmer A vier Punkte an Teilnehmer B erhielt dieser also insgesamt 16 Punkte. Teilnehmer B konnte sich nun fair verhalten, und die Hälfte des erzielten Gewinns, also 8 Punkte, oder zumindest den Einsatz, also die vier Punkte, an A zurückgeben - oder aber alles für sich behalten.

Der Versuch fand einmal unter anonymen Bedingungen statt. Ein anderes Mal konnte Teilnehmer A sehen, wie B, auf dessen guten Willen er angewiesen war, bei den letzten drei Durchgängen entschieden hatte. Hatte Teilnehmer B die letzten Investoren leer ausgehen lassen, sank die Bereitschaft, ihm Punkte zu überlassen.

Ein guter Ruf brachte hier also Vorteile mit sich: Teilte B konsequent den Gewinn mit A, investierte A immer 10 Punkte und beide konnten insgesamt deutlich mehr Punkte ergattern. Wenn A immer zehn Punkte investierte, war für B allerdings auch die Versuchung besonders groß, alle Punkte für sich zu behalten: Überwies A an B einen Punkt, musste dieser, wenn sie halbe-halbe machten, nur zwei Punkte zurückgeben. Überwies A an B hingegen 10 Punkte, fielen schon 20 Punkte an. B brauchte also eine besonders große Selbstkontrolle.

Unter anonymen Bedingungen agierten die behandelten und die unbehandelten Versuchsteilnehmer sehr ähnlich, weniger als ein Drittel verhielt sich fair und überwies Punkte an den Spender zurück. Standen die Teilnehmer unter Beobachtung, zeigten sich die unbehandelten Versuchsteilnehmer, aber auch diejenigen, bei denen der linke präfrontale Cortex gehemmt worden war, deutlich großzügiger -und verschafften sich auf diese Weise langfristig einen Vorteil.

Diejenigen mit gehemmtem rechtem präfrontalem Cortex hingegen, waren dazu nicht in der Lage - obwohl sie prinzipiell richtig einschätzen konnten, dass ihr Verhalten nicht nur unfair, sondern auch nachteilig für sie selbst war, wie eine Befragung unmittelbar nach dem Spiel ergab.