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Berlin: Spät nochmal flügge: Wenn Eltern ihren Kindern hinterher ziehen

Berlin : Spät nochmal flügge: Wenn Eltern ihren Kindern hinterher ziehen

Früher war es normal, dass die Großeltern mit der nächsten und übernächsten Generation in einem Haus lebten. Doch was passiert heute, wenn Ältere ihren Kindern hinterherziehen?

Es hat ein paar Jahre gedauert, bis Gudrun W. sich entschieden hatte. Doch im vergangenen Herbst machte sie ernst und zog ihren Töchtern hinterher - vom beschaulichen Kassel mitten nach Berlin. Frau W. ist 82 und lebt jetzt fünf Minuten Fußweg von Töchtern und Enkel entfernt in einer kleinen, komfortablen Mietwohnung.

Das große eigene Haus und die Stadt, in der sie 50 Jahre lebte, ließ sie zurück, nicht ganz ohne Trauer. „Aber es gibt ja Telefon”, sagt sie. „Ich bin sehr zufrieden mit der Entscheidung.”

Dem Ehepaar Müller steht der Umzug noch bevor, aber die Würfel sind gefallen. Das eigene, liebevoll ausgebaute Reihenhaus am Stadtrand von Nürnberg ist verkauft, ein schmuckes altes Häuschen in einer ruhigen Randlage von Hamburg erworben - zusammen mit einem der Söhne. Die Familie macht ernst mit dem Drei-Generationen-Haus.

„Die Idee dazu ist uns im Italien-Urlaub gekommen, wo auf einem Bauernhof alle Generationen zusammen lebten”, erzählt Sohn Daniel (40), der mit seiner Frau zwei kleine Söhne hat. Die werden künftig mehr von ihren Großeltern haben, und umgekehrt.

Während es für Manfred Müller (72) kein langes Zögern gab, räumt seine Frau Renate (71) ein: „Ich brauchte schon einige Zeit, mich an den Gedanken zu gewöhnen. Und ich hätte nicht zugestimmt, wenn wir nicht das optimale Haus für uns alle gefunden hätten.”

Unverzichtbar war für beide Parteien, dass es im künftigen Domizil zwei getrennte Wohnungen gibt. Jeder soll seine Tür hinter sich zu machen können. Mit diesem Wunsch stehen sie nicht allein.

Bislang gibt es kaum belastbare Zahlen zu diesen „mobilen Älteren” - einer Minderheit bislang. Aber Altersforscher finden Hinweise dafür, dass zumindest in einem Teil der älteren Generation die Bereitschaft wächst, ihren meist aus Berufsgründen weggezogenen Kindern zu folgen.

Die Demographie liefert mögliche Erklärungen: Durch die höhere Lebenserwartung leben Eltern heute für durchschnittlich mehr als ein halbes Jahrhundert mit ihren Kindern, heißt es im Dritten Altenbericht der Bundesregierung. Sogar die gemeinsame Lebenszeit mit den Enkeln beträgt oft 20 bis 30 Jahre.

Angesichts der Tatsache, dass Frauen heute später Mütter werden, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Großeltern zu diesem Zeitpunkt bald pensioniert sind. „Gleichzeitig erfreuen sich ältere Menschen im Vergleich zu früher besserer Gesundheit, so dass es ab einem bestimmten Alter wahrscheinlich wird, dass weder berufliche Verpflichtungen noch gravierende gesundheitliche Beeinträchtigungen einem Umzug in die Nähe der Kinder entgegenstehen”, ergänzt Jochen Ziegelmann vom Deutschen Zentrum für Altersfragen.

Allerdings gebe es auch gegenläufige Tendenzen, beschreibt etwa die Familienforscherin Tanja Mühling von der Uni Bamberg: So sind die Älteren zwar in der Regel körperlich fitter als früher und oft auch finanziell gut ausgestattet. Aber vor allem jüngere Großeltern wollen ihre Freizeit auch selbstbestimmt gestalten, öfter reisen, Ungebundenheit genießen.

Ein fester neuer „Job” als Babysitter der Enkelkinder kommt deshalb für sie nicht zwingend in Frage. Auch andere Studien deuten darauf hin, dass eine gegenseitige moralische „Hilfsverpflichtung” die Beziehungen belasten kann.

Mehr räumliche Nähe zur Familie wollen viele deshalb nur zu bestimmten Bedingungen: wenn die Eigenständigkeit bestehen bleibt. So beschreibt auch der Altenbericht, dass nur noch knapp zwei Prozent der älteren Menschen in Drei-Generationen-Haushalten mit Kindern und Enkelkindern zusammen leben. Beide Parteien bevorzugen vielmehr selbstständiges Wohnen in der Nähe mit regelmäßigem Kontakt.

Und auch Ambivalenz scheint es zu geben: „Viele Senioren wünschen sich einerseits die Nähe zur Familie, haben andererseits aber auch Angst, den Kindern zur Last zu fallen”, beschreibt Rüdiger Kunz vom DRK Berlin, das zahlreiche Alteneinrichtungen betreibt.

Ein Umzug in die Nähe der Familie, so schätzt er, funktioniert am besten, wenn er nicht zu spät passiert, der Senior sich aktiv in der neuen Umgebung einleben kann und die Familie eine enge und stabile Beziehung hat.

Gudrun W.s Tochter Claudia zumindest freut sich, dass ihre Mutter nun in der Nachbarschaft lebt. „Ich empfinde es als Erleichterung, sie in der Nähe zu haben. Auch, wenn es in den Alltag eingebaut und viel organisiert werden muss.”

Ein neues, lockeres Netzwerk aus Enkelbetreuung einerseits und dem Kümmern um die Belange der Seniorin andererseits entsteht. „Das ist ein Prozess, der noch dauert”, sagt die berufstätige Mutter eines Zehnjährigen. „Aber es gibt sehr viele schöne Seiten, etwa die gemeinsamen Ausflüge, die wir vorher nicht hatten und alle sehr genießen.”