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Sex im Alter: Lust wird nicht kleiner, nur seltener

Sex im Alter: Lust wird nicht kleiner, nur seltener

Berlin/Kempen. An einem sonnigen Herbstnachmittag sitzt ein Paar auf einer Parkbank. Er hat seinen Arm um ihre Schultern geschlungen, sie schmiegt sich an seinen Brustkorb und streichelt versonnen sein Knie.

Dass er kaum noch Haare auf dem Kopf hat, während ihr Haupt von ergrauten Locken bedeckt wird, stört die romantische Szenerie nicht.

„Nur wenige Senioren trauen sich, in der Öffentlichkeit zu zeigen, dass sie noch Lust auf Zärtlichkeit und Sex haben”, bedauert die Berliner Medizinpsychologin Beate Schultz-Zehden, die in einer Studie die Sexualität von Frauen nach den Wechseljahren untersucht hat.

Das Thema Sex im Alter werde in der Gesellschaft nach wie vor tabuisiert, was es für ältere Menschen schwer mache, zu ihren Gefühlen zu stehen. Denn nach Schultz-Zehdens Erkenntnissen wird die Libido im Laufe des Lebens bei beiden Geschlechtern keinesfalls schwächer.

„Besonders Frauen wird oft unterstellt, sie hätten im Alter weniger Lust auf Sex. Aber sie verlieren ihre Leidenschaft genauso wenig wie Männer.” Lediglich die Momente, in denen man Lust verspüre, würden seltener.

Problematischer als die Leidenschaft selbst ist für Senioren ihre Umsetzung. „Bei vielen Männern schwindet im Alter die Potenz, was sich natürlich auch auf das Liebesleben der Frauen auswirkt”, sagt Schultz-Zehden. Frauen tendierten dazu, diese Probleme zu ihren eigenen zu machen und sich zurückzuziehen.

„Häufig entstehen durch die Veränderungsprozesse des Alters Missverständnisse zwischen den Partnern”, sagt Schultz-Zehden. Oft vermute einer der Partner, dass der andere ihn schlicht nicht mehr attraktiv finde, und fühle sich zurückgewiesen. „Paare sollten über die neue Situation sprechen und gemeinsam überlegen, wie sie darauf reagieren können”, sagt Schultz-Zehden.

Auch Krankheiten stören das Liebesleben von Senioren. „Es gibt diverse Medikamente, zu deren Nebenwirkung eine Minderung der Libido gehört”, sagt Schultz-Zehden. Senioren sollten ihren Arzt darauf ansprechen, falls sie unter Einnahme ihrer Tabletten Veränderungen in ihrem Liebesleben feststellten. Dieser könne dann unter Umständen Potenzpillen verschreiben.

Auch die Tatsache, dass die Partnerschaften von Senioren oft schon sehr lange andauern, führt zu Schwierigkeiten. „Nach Jahrzehnten der Zweisamkeit ist die Erotik in einer Partnerschaft oft eingeschlafen”, sagt Dorothee Döring, Autorin des Ratgebers „Alte Liebe rostet nicht”. Oft hätten sich Gewohnheiten eingeschlichen, die Langeweile aufkommen ließen. „Das Problem ist, dass in vielen Ehen eine große Sprachlosigkeit herrscht. Ältere Paare müssen oft erst lernen, offen über ihre Wünsche zu sprechen”, sagt Döring.

Auch die äußerlichen Veränderungen trüben im Alter die Lust an der Lust. „Der Anpassungsprozess an den sich verändernden Körper ist eine Herausforderung für alte Menschen”, sagt Schultz-Zehden. Um sich an sein neues Aussehen zu gewöhnen, sei es wichtig, sich so viel wie möglich mit dem eigenen Körper zu beschäftigen: „Man sollte seinen Körper bewegen und aktiv sein, um sich wieder zu spüren.”

Außerdem sollte man sich von vermeintlichen Idealen aus Werbung und Medien lösen. „Beim Vergleich mit Jüngeren wird man zwangsläufig schlecht abschneiden. Es ist wichtig, dass man sich so oft wie möglich in seiner eigenen Altersgruppe bewegt, um ein realistisches Bild zu bekommen”, sagt Schultz-Zehden.

Man sollte sich auch darüber klar werden, ob einen der Verlust der Sexualität überhaupt stört oder ob man auch ohne glücklich sein kann. „Vielen Paaren hilft es, auch im Alter noch andere Formen der Zärtlichkeit für sich zu entdecken”, sagt Schultz-Zehden. Auch für Männer sei diese leistungsbefreite Form der Zuneigung sehr wohltuend.

Um in Kontakt zu bleiben, könnten Senioren Tanzkurse besuchen oder Massagetechniken erlernen. „Das bringt das Paar nicht nur enger zusammen, sondern hilft den Partnern auch, sich selbst wieder attraktiver zu finden”, sagt Schultz-Zehden. Dorothee Döring empfiehlt älteren Paaren, kleine Kontakte wie einen Abschiedskuss oder eine Umarmung wieder in ihren Alltag einfließen zu lassen. „Man muss die Zärtlichkeit oft erst wieder üben. Aber wenn man sich gegenseitig seine Wertschätzung spüren lässt, kann das Bedürfnis nach Nähe auch wieder wachsen.” Man dürfe nicht erwarten, dass der Sex im Alter noch genauso funktioniere wie in jungen Jahren. „Dafür nimmt aber auch die Genussfähigkeit zu, und man erlebt die gemeinsame Zeit viel intensiver”, sagt Döring.

Weiterführende Informationen:

Dorothee Döring: „Alte Liebe rostet nicht. Wie sie Ihre Partnerschaft jung halten”, Kaufmann, 2007, 16,95 Euro, ISBN: 978-3780630476

Inge Lona Koch, Rainer Koch: „Sag nie, ich bin zu alt dafür: Erotik und Sex ab Fünfzig”, Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2003, 14,90 Euro, ISBN: 978-3896024541

Corinna Langwieser, Peter Wippermann: „Länger leben, länger lieben: Das Lebensgefühl der Generation Silver Sex”, Piper Verlag, 2007, 14,00 Euro, ISBN: 978-3492049108

Hannie van Rijsingen: „Sex und Fünfzig. Über Sehnsucht und Liebe in der zweiten Lebenshälfte”, Moderne Verlagsgesellschaft, 2004, 15,90 Euro, ISBN: 978-3636061355

Ruth Westheimer: „Silver Sex: Wie Sie Ihre Liebe lustvoll genießen”, Campus Verlag, 2008, 19,90 Euro, ISBN: 978-3593382715