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Berlin/Krefeld: Rheuma bei Kindern: Ganz normales Leben möglich

Berlin/Krefeld : Rheuma bei Kindern: Ganz normales Leben möglich

Verknickte Knöchel, kleine Stürze und Wehwehchen gehören zum Kinderalltag. Doch wenn Gelenke länger als gewöhnlich dick sind oder Schwellungen einfach so auftauchen, sollten Eltern genauer hinschauen.

„Über 20 000 Kinder in Deutschland haben Rheuma”, sagt Kirsten Minden von der Gesellschaft für Kinder- und Jugendrheumatologie in Berlin. „Bei manchen Kindern zeigt sich die Erkrankung schon im ersten Lebensjahr.”

90 Prozent der betroffenen Kinder leiden unter der sogenannten JIA, der juvenilen, idiopathischen Arthritis. „Die JIA ist eine Erkrankung, bei der sich aufgrund einer Fehlsteuerung des Immunsystems die Gelenke entzünden”, erklärt Prof. Tim Niehues, Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin des Helios-Klinikums in Krefeld.

Die Ursache der Erkrankung ist unklar. „Manchmal steckt die Veranlagung bereits in der Familie, manchmal bricht die Krankheit durch eine Überreaktion des Immunsystems nach einer Infektion aus”, sagt Renate Häfner, Leitende Oberärztin am Deutschen Zentrum für Kinder- und Jugendrheumatologie in Garmisch-Partenkirchen.

Die Erkrankung fällt häufig kaum auf: „Kleine Kinder äußern noch keinen Schmerz, da müssen Eltern schon sehr achtsam sein, um die geschwollenen Gelenke überhaupt zu entdecken”, sagt Niehues. Oft komme die Diagnose Rheuma erst durch eine gesteigerte Aufmerksamkeit für ein Gelenk, zum Beispiel nach einem Sturz, zustande. „Wenn ein Gelenk länger als sechs Wochen geschwollen ist, stimmt was nicht.”

Auch wenn der Nachwuchs humpelt oder plötzlich seine Haltung verändert, ist das verdächtig: Kinder nehmen automatisch Schonhaltungen ein, um die entzündeten Gelenke zu entlasten. „Zögern Sie nicht, mit Ihrem Kind sofort zum Kinderarzt zu gehen”, rät Minden, die als Kinderrheumatologin an der Kinderklinik der Charité in Berlin tätig ist. „Oder direkt zu einem Kinderrheumatologen, den es mittlerweile in jeder größeren Stadt gibt”, ergänzt Niehues.

Die Diagnose ist in der Regel ein Schock für die Eltern. Doch die Experten machen Mut: „Kinderrheuma ist überhaupt nicht mit Erwachsenenrheuma zu vergleichen”, sagt Niehues. „Es ist längst nicht so aggressiv und in der Regel wirklich gut therapierbar.” Je früher die Erkrankung entdeckt wird, desto besser. Die Kinder erhalten Medikamente, um ein Fortschreiten der Erkrankung, vor allem durch Rheuma-Schübe, zu vermeiden.

Behandelt wird mit entzündungshemmenden Antirheumatika (NSAR), Cortisonpräparaten und Methotrexat, einem Wirkstoff, der die krankhafte Aktivität des Immunsystems unterdrückt. Bei Methotrexat seien Eltern oft verunsichert, weil dieses Medikament auch in der Chemotherapie gegen Krebs eingesetzt wird, sagt Niehues. „Bei Kindern verwenden wir aber nur eine minimale Dosis, eigentlich schon fast homöopathisch.” Grund zur Sorge bestehe nicht: „Das Medikament wird in der Regel sehr gut vertragen”, ergänzt Minden.

Als sehr effektiv in der Rheuma-Therapie gilt auch eine neue Gruppe von Medikamenten: Biologicals. „Diese künstlich hergestellten Antikörper wirken den Entzündungsprozessen im Körper entgegen”, erklärt Niehues. „Leider sind die Medikamente sehr teuer und die Kostenübernahme durch die Krankenkassen gestaltet sich zum Teil schwierig.”

Zweiter wichtiger Baustein in der Rheumatherapie ist die Krankengymnastik. „Schonhaltungen werden aufgehoben, Muskeln gestärkt und somit Gelenkschäden vermieden”, erklärt Häfner. Die Kinder lernen, sich wieder normal zu bewegen. Bei fortgeschrittenen Verläufen spielt auch die Ergotherapie eine wichtige Rolle: Bei Handgelenksentzündungen müssen Kinder lernen, zu malen, zu basteln oder Dinge zu greifen. Einlagen in Schuhen, Beinschienen für die Nacht oder Hilfsmittel wie kleine Roller sind bei manchen Kindern ebenso ratsam.

Die Aussichten bei der JIA sind heute sehr gut, sagt Niehues. „Bei einem Großteil der Kinder können wir die Therapie nach ein bis zwei Jahren aussetzen.” In den wenigsten Fällen entstehen nachhaltig Gelenkschäden. Die Kinder können meistens ganz normal leben und alles machen, was andere Kinder auch machen.

Doch den Eltern muss auch klar sein, dass Rheuma eine chronische, nicht heilbare Erkrankung ist. „In 50 Prozent der Fälle kommt es irgendwann zu einem Rückfall”, sagt Minden. Dann sind wieder Medikamente nötig. Niehues tröstet aber: „Die meisten Kinder haben nach zehn Jahren Leben mit der Erkrankung keine nennenswerten Probleme mehr.”


Neue Leitlinie setzt Standards

Ob Diagnose, Medikamente oder Therapieform: Bei der Behandlung von rheumakranken Kindern und Jugendlichen herrschte noch vor wenigen Jahren eine große Bandbreite der ärztlichen Meinungen und Behandlungsformen. 2008 haben deshalb alle auf Rheuma spezialisierten Fachgesellschaften, Verbände und Vereinigungen eine gemeinsame Leitlinie für die Behandlung erarbeitet. Diese bündelt das aktuelle Wissen aus klinischen Studien und gibt damit allen Ärzten die Möglichkeit, optimal zu behandeln. Interessierte Eltern können die Leitlinie unter http://www.leitlinien.net/027-020.htm nachlesen.