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Dortmund/Hannover: Migranten im Ruhestand: Zwischen neuer und alter Heimat wählen

Dortmund/Hannover : Migranten im Ruhestand: Zwischen neuer und alter Heimat wählen

Die Gruppe der Rentner mit Migrationshintergrund wird in den nächsten Jahren stark anwachsen. „Vor allem die Generation der Arbeitsmigranten, die in den 1960er und 1970er Jahren nach Deutschland kam, ist nun im Ruhestand”, berichtet Paul Stanjek, Fachberater bei ZWAR („Zwischen Arbeit und Ruhestand”) in Dortmund.

Viele Senioren hadern damit, dass sie nicht all ihre Ziele erreichen konnten, die sie sich vor dem Umzug nach Deutschland gesetzt hatten.

„Der Wunsch, für die Kinder eine bessere Lebensgrundlage zu schaffen und dann schon nach kurzer Zeit wieder ins Heimatland zurückzukehren, hat sich für viele Arbeitsmigranten nicht erfüllt”, sagt Fatma Taspunar, die bei der Arbeiterwohlfahrt Hannover für den Bereich Interkulturelle Seniorenarbeit zuständig ist.

Der Entschluss, nun wenigstens im Ruhestand wieder in das Herkunftsland zurückzukehren, stehe bei vielen schon lange fest. Doch wenn der Tag der Abreise näher rückt, kommen oft doch noch Zweifel auf.

„Schließlich leben viele Migranten seit 30, 40 Jahren in Deutschland. Sie haben keine Bindungen mehr in die Heimat, und ihre Kinder und Enkelkinder sind in Deutschland sesshaft geworden und möchten sie nicht begleiten”, erklärt Taspunar das Dilemma.

Auch die Lebensbedingungen in der alten Heimat seien für viele Senioren nicht mehr so leicht zu meistern. „Viele haben ein verklärtes Bild von ihrem Geburtsland. Schließlich haben sie über Jahrzehnte nur ein paar Urlaubswochen im Jahr dort verbracht”, sagt Taspunar.

Doch der Alltag sehe oft wesentlich unkomfortabler aus, als die Senioren dies aus Deutschland gewöhnt seien. Sie empfiehlt Rückkehrwilligen daher, sich erst einmal eingehend mit der Situation im Heimatland zu beschäftigen.

„Man sollte sich beispielsweise überlegen, wo man wohnen könnte, ob es dort in der Nähe ein Krankenhaus gibt und ob es Menschen gibt, die sich im Ernstfall um einen kümmern könnten. Auch ob die Rente überhaupt ausreicht, um das Leben in einem anderen Land zu bestreiten, sollte man überprüfen.”

Die Sozialpädagogin hält es für sinnvoll, das Leben im Herkunftsland erst einmal für einen begrenzten Zeitraum auszutesten.

„Am besten zieht man erst einmal für ein Jahr in das Land, um dort den Alltag zu erleben - im Sommer wie auch im Winter.” Dabei sollte man sich auf jeden Fall alle Optionen offenhalten, um bei Bedarf nach Deutschland zurückkehren zu können.

„Wichtig ist beispielsweise, sicherzustellen, dass durch die Ausreise die Aufenthaltserlaubnis nicht erlischt. Man sollte sich unbedingt an die zuständige Ausländerbehörde wenden und eine entsprechende Bescheinigung einholen”, sagt Taspunar.

Ansonsten könne es passieren, das man bereits nach kurzem Aufenthalt im Heimatland seine Aufenthaltsrechte in Deutschland verliere. Auch die Gültigkeit der Krankenversicherung im Ausland und der Rententransfer müssen rechtzeitig in die Wege geleitet werden.

Manche Migranten zieht es im Alter jedoch nicht zurück in ihr Geburtsland. Sie haben in Deutschland ein Zuhause gefunden und möchten hier bleiben. Doch auch auf sie kommen im Ruhestand neue Herausforderungen zu.

„Viele ausländische Senioren geraten im Alter in eine Isolation, weil mit der Arbeit auch ein Großteil ihrer sozialen Kontakte und ihrer Anknüpfungspunkte zu gleichaltrigen Deutschen wegfällt”, sagt Paul Stanjek. Gleichzeitig steige mit dem Ende der Erwerbs- und Familientätigkeit das Bedürfnis nach anderen sinnstiftenden Beschäftigungen.

Stanjek empfiehlt Senioren, den neuen Lebensabschnitt als Chance zu sehen. „Man sollte sich darüber klar werden, wo man steht und was für Kompetenzen man mitbringt”, sagt Stanjek. Es sei wichtig, sich zuerst einmal für sich selbst zu engagieren.

„Wenn man weiß, was man kann, dann kann man diese Fähigkeiten für andere einsetzen.” Auch im Alter könne man außerdem noch anfangen, die deutsche Sprache zu lernen.

„Neben Sprachkursen eignen sich für den Spracherwerb am besten Gruppen, in denen man mit deutschen Senioren zusammen ist und auf der persönlichen Ebene zum Sprechen und Erzählen kommt.”

Dadurch verbessere man nicht nur seine Sprachfähigkeit, sondern könne auch Gleichgesinnte finden, mit denen man gemeinsam älter wird.

In vielen Gemeinden gibt es inzwischen jedoch auch Begegnungsstätten, die Seniorenberatung in verschiedenen Fremdsprachen anbieten. „Die Wohlfahrtsverbände, die sich schon bei der Ankunft um die Arbeitsmigranten aus den jeweiligen Ländern gekümmert haben, beraten nun auch die Ruheständler”, sagt Fatma Taspunar.

Auch interkulturell ausgerichtete Pflegedienste und Seniorenheime, deren Mitarbeiter aus verschiedenen Ländern stammen und die Sprachen sprechen, seien bereits an verschiedenen Orten zu finden.